Sommersonnenwende – Welche Steine trägst du durch dieses Jahr?

Die Sommersonnenwende liegt zwar bereits hinter uns, doch ihre Qualität begleitet uns noch eine ganze Weile. Die Natur steht jetzt in ihrer größten Kraft. Das Licht hat seinen Höhepunkt erreicht. Was im Frühling als Idee, Sehnsucht oder zarter Keim begonnen hat, zeigt nun seine Richtung. Manche Vorhaben wachsen sichtbar. Andere brauchen noch Zeit. Und wieder andere haben ihren Auftrag bereits erfüllt, auch wenn wir das vielleicht erst jetzt erkennen.

Diese Zeit lädt uns nicht dazu ein, noch schneller zu werden. Im Gegenteil.

Gerade wenn die Tage heiß sind und alles nach Aktivität ruft, zeigt uns die Natur etwas anderes. Kein Baum versucht jetzt krampfhaft noch höher zu wachsen. Er versorgt seine Früchte, schützt seine Kräfte und nutzt das Licht, das bereits da ist. Wachstum geschieht nicht durch ständiges Antreiben, sondern durch einen achtsamen Umgang mit den vorhandenen Ressourcen.

Vielleicht gilt genau das auch für uns.

Wo stehst du heute – etwa in der Mitte dieses Jahres? Welche Projekte tragen dich? Welche tragen sich bereits selbst? Welche kosten Kraft, ohne dir noch Freude zu schenken? Und welche möchten einfach noch etwas Zeit bekommen, um zu reifen?

Impuls zur Sommersonnenwende

Die Sommersonnenwende fragt nicht: Wie viel schaffst du noch?

Sie fragt: Was ist bereits gewachsen? Was darf jetzt reifen? Und welche Kraft möchtest du bewusst für die zweite Hälfte des Jahres bewahren?

Reife zeigt sich nicht darin, immer mehr zu tragen. Sondern darin, bewusst zu wählen, was deine Aufmerksamkeit und deine Energie verdient.

Vielleicht hilft dir dabei diese kleine Übung.

Übung: Sammle deine Steine

Mach dich auf den Weg. Ganz gleich, ob durch den Wald, über eine Wiese oder entlang eines Baches – wichtig ist nur, dass du dir Zeit nimmst.

Während du gehst, lass in Gedanken dein bisheriges Jahr an dir vorbeiziehen.

Welche Projekte begleiten dich gerade? Welche Ideen hast du zu Jahresbeginn geboren? Welche Wünsche hast du behütet, welche Vorhaben begonnen? Was ist ganz ungeplant in dein Leben gekommen und hat dich vielleicht sogar gezwungen, innezuhalten oder deinen Weg neu auszurichten?

Für jedes Thema suchst du einen Stein.

Nimm ihn bewusst in die Hand. Spüre sein Gewicht, seine Form und seine Oberfläche. Versuche nicht, den „richtigen“ Stein zu finden. Vertraue darauf, dass der Stein dich findet.

Vielleicht erscheint dir ein großes Projekt plötzlich als kleiner Kiesel. Vielleicht überrascht dich ein unscheinbarer Stein mit seinem Gewicht. Nimm wahr, ohne zu bewerten.

Für jedes offene Thema legst du einen Stein in deinen Korb.

Wenn du das Gefühl hast, alles gesammelt zu haben, suche dir einen ruhigen Platz oder nimm deine Sammlung mit nach Hause.

Nun beginnt der zweite Teil der Übung.

Breite deine Steine vor dir aus. Als Kreis, als Spirale, als Haufen oder in einer langen Reihe – so, wie es sich für dich stimmig anfühlt.

Nimm jeden einzelnen noch einmal in die Hand.

Vielleicht erinnerst du dich sofort daran, wofür er steht. Vielleicht ist die ursprüngliche Bedeutung bereits verblasst. Auch das ist in Ordnung. Der Stein wurde gesehen. Mehr muss im Moment gar nicht geschehen.

Wenn du magst, kannst du die Steine waschen, bemalen oder beschriften.

Vielleicht gibst du ihnen den Namen deines Projektes. Vielleicht aber auch einen ganz anderen. Manchmal zeigt uns gerade das Spiel eine Wahrheit, auf die unser Verstand nie gekommen wäre. Aus einem komplizierten Vorhaben wird plötzlich „Hans“. Ein kleiner Stein trägt auf einmal den klangvollen Namen „Bertha“. Lass deine innere Närrin oder deinen inneren Narren mitspielen. Sie kennen oft Wege, die der Kopf längst vergessen hat.

Es geht nicht darum, Lösungen zu finden.
Es geht darum, deine Themen einmal anders anzuschauen.
Mit Neugier. Mit Leichtigkeit. Ohne Leistungsdruck.

Vielleicht bleiben manche Steine einfach Steine. Auch das ist vollkommen in Ordnung.

Wenn du fertig bist, kannst du sie wieder in deinen Korb legen. Oder du lässt sie noch einige Tage liegen und beobachtest, ob sich etwas verändert. Vielleicht stellst du sie jeden Tag neu zusammen. Vielleicht bleibt alles an seinem Platz.

Es gibt kein Richtig und kein Falsch.

Was möchte reifen?

Während du deine Steine betrachtest, wirst du vielleicht erkennen, welche Projekte gerade ihre Kraft entfalten. Manche brauchen nur etwas Geduld. Andere wünschen sich mehr Aufmerksamkeit.

Vielleicht entdeckst du aber auch einen Stein, den du schon viel zu lange mit dir trägst.

Ein Projekt, das einmal wichtig war und heute nur noch Gewohnheit ist. Etwas, das keine Lebendigkeit mehr in sich trägt.

Dann darfst du entscheiden, ob dieser Stein wieder zurück in die Natur gehen darf.

Nicht aus Ärger.
Nicht aus Enttäuschung.
Sondern aus Dankbarkeit für den Weg, den ihr gemeinsam gegangen seid.

Suche ihm einen Platz unter einem Baum, an einem Bach, auf einer Wiese oder an einem anderen Ort, der sich für dich richtig anfühlt. Vielleicht wird ihn irgendwann jemand anderes finden. Vielleicht bleibt er einfach dort liegen.

Dein gemeinsamer Weg endet hier.
Und das ist manchmal genau das, was Reife bedeutet.

Die Königin und der König deines eigenen Lebens

Erwachsen werden bedeutet nicht, immer mehr tragen zu können.
Es bedeutet zu erkennen, was wirklich zu dir gehört.

Die Zeit rund um die Sommersonnenwende erinnert uns daran, Verantwortung für unsere eigene Kraft zu übernehmen. Nicht alles muss gleichzeitig wachsen. Nicht jedes Projekt braucht dieselbe Aufmerksamkeit. Manche Themen dürfen reifen. Manche ruhen. Manche dürfen gehen.

Du bist die Königin oder der König deines eigenen Lebens.
Du entscheidest, welchen Steinen du weiterhin Raum gibst und welche ihren Platz wieder in der Landschaft finden dürfen.
Vielleicht sehen sie von außen aus wie gewöhnliche Feldsteine.
Für dich erzählen sie von deinem bisherigen Weg.

Und vielleicht wird dir beim Betrachten bewusst, wie viel bereits gewachsen ist – auch dort, wo du bisher nur Aufgaben gesehen hast.

Ich wünsche dir eine achtsame Zeit in der Kraft der Sommersonnenwende. Möge sie dir nicht nur Wärme schenken, sondern auch Klarheit. Nicht nur Energie, sondern auch die Weisheit, gut mit ihr umzugehen.


Weiterlesen zur Sommersonnenwende

Wenn dich die Bedeutung der Sommersonnenwende und ihre Rituale näher interessieren, findest du hier weitere Beiträge:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen