Blogserie “Die Farben der Welt” – Teil 8
Es gibt Farben, die gefallen einem einfach. Man kann nicht erklären, warum. Sie begleiten einen durchs Leben, tauchen immer wieder auf und fühlen sich vertraut an – fast wie ein guter Freund.
Ich würde untertreiben, wenn ich sage, dass ich Orange mag.
Ich liebe Orange. In jeder Nuance und Richtung.
Schon als Kind. Vielleicht wegen einer völlig überzuckerten Orangenlimonade, die damals nach Ferien und Freiheit schmeckte. Vielleicht aber auch wegen des kleinen Kinderzimmers, das meine Großeltern für mich eingerichtet hatten. Eine Wand leuchtete in einem kräftigen Orange. Ich habe dort gelesen, gespielt, geträumt und unzählige Stunden verbracht. Wahrscheinlich prägen uns solche Orte viel stärker, als wir ahnen.
Heute, mit knapp sechzig Jahren, hat sich daran nichts geändert. Mein Kleiderschrank könnte problemlos als Farbkarte für Orange dienen. Vom hellen Sonnenorange bis zum kräftigen Signalorange ist alles dabei. Und tatsächlich merke ich jeden Morgen aufs Neue, dass diese Farbe etwas mit mir macht. Sie hebt die Stimmung. Sie macht wach. Sie erinnert mich daran, dass selbst ein Tag mit grauen To-do-Listen fröhlich beginnen darf.
Damit gehöre ich vermutlich einer Minderheit an.
Denn Orange ist bis heute keine Farbe, die besonders viele Menschen als Lieblingsfarbe nennen. Sie polarisiert. Manche lieben sie, andere können erstaunlich wenig mit ihr anfangen. Vielleicht liegt genau darin ihr Wesen. Orange wollte sich noch nie so recht einordnen lassen. Diese Farbe ist eine Außenseiterin unter den Farben.
Inhaltsübersicht
Die Farbe, die lange keinen Namen hatte
Während Rot, Blau oder Grün seit Jahrtausenden selbstverständlich Teil unserer Sprache sind, ist Orange erstaunlich jung.
Nicht die Farbe – die gab es natürlich schon immer. Wohl aber ihren Namen.
Lange bevor Europa das Wort Orange kannte, sprach man von Gelbrot, Scharlach, Mennig oder Zinnober. Mal wurde diese Farbnuance dem Rot zugeschlagen, mal dem Gelb. Sie war irgendwie da, aber nie ganz eigenständig.
Erst als die süße Zitrusfrucht über Indien, Persien und Arabien nach Europa gelangte und sich schließlich in Spanien und von dort aus über den Kontinent verbreitete, bekam auch die Farbe ihren heutigen Namen. Plötzlich hieß sie nicht mehr Gelbrot, sondern Orange – benannt nach einer Frucht, die auf spanisch Naranja und auf italiensch Arancia heißt.
Das macht Orange bis heute einzigartig. Keine andere unserer geläufigen Farbbezeichnungen verdankt ihren Namen einer Frucht.
Mag sein, dass ihre Geschichte genau dort beginnt: als etwas Fremdes. Etwas, das erst seinen Platz finden musste.
Ein kleiner Exkurs: Was ist eigentlich Zinnober?
Bevor sich der Name Orange durchsetzte, begegnet uns immer wieder ein anderer Begriff: Zinnober.
Heute kennen wir das Wort meist nur noch aus Redewendungen wie „Mach keinen Zinnober!“ oder „Das ist doch alles nur Zinnober.“ Gemeint ist übertriebener Aufwand, großes Theater oder schlicht Unsinn.
Seinen Ursprung hat der Begriff wahrscheinlich im leuchtend roten Mineral Zinnober, einem Quecksilbersulfid, das schon in der Antike als kostbares Farbpigment verwendet wurde. Wegen seiner intensiven Farbe spielte es später auch in der Alchemie und bei allerlei geheimnisvollen Vorführungen eine Rolle. Daraus entwickelte sich allmählich die Bedeutung von Blendwerk, falschem Zauber oder großem Getöse.
Ist das nicht erstaunlich?
Ausgerechnet jene Farbe, die wir heute mit Lebensfreude, Wärme und Kreativität verbinden, trug lange einen Namen, der Misstrauen und Übertreibung mitschwingen ließ.
Man könnte vermuten, dass das mehr ist als ein sprachlicher Zufall.
Vielleicht begegnen wir Orange deswegen bis heute mit einer gewissen Skepsis – weil sie nie besonders unauffällig war.
Der Norden kennt Orange nur auf Zeit
Orange ist keine Farbe des Nordens. Zumindest fühlt es sich so an.
Der Norden kennt Orange nur für kurze Augenblicke. Für ein paar Minuten beim Sonnenuntergang. Für die Flammen eines Lagerfeuers. Oder für jene wenigen Wochen, in denen die Marillen reif werden und der Sommer seinen süßen Höhepunkt erreicht.
Wenn dieser Beitrag erscheint, beginnt genau diese Zeit. Auf den Märkten stapeln sich Körbe voller Marillen. Manche schaffen es direkt vom Baum in den Mund. Andere werden zu köstlichen Knödeln oder süßer Marmelade, die den Geschmack des Sommers bis weit in den Winter hinein bewahrt.
Für manche ist das der schönste Auftritt von Orange überhaupt.
Nicht laut. Nicht spektakulär. Sondern voller Genuss und Lebensfreude.
Ganz anders wirkt die Farbe in Indien oder Südostasien. Dort begegnet sie einem beinahe überall: in den Gewändern buddhistischer Mönche, auf Märkten voller Gewürze, zwischen Ringelblumen, tropischen Blüten und reifen Früchten. Dort scheint Orange ganz selbstverständlich zum Alltag zu gehören.
Möglicherweise empfinden Mitteleuropäerinnen und Mitteleuropäer Orange deshalb oft als laut oder auch fremd. Was selten ist, fällt auf.
Mag aber auch sein, dass der in Europa am häufigsten verbreitete Hautton eine Rolle spielt. Während warme, goldene oder olivfarbene Hauttöne durch Orange regelrecht zum Leuchten gebracht werden, wirken viele der eher rosigen Hauttypen Nord- und Mitteleuropas daneben blass und kränklich. Auch das kann dazu beigetragen haben, dass Orange hier nie dieselbe Selbstverständlichkeit entwickelte.
Zwischen Warnung und Lebensfreude
Kaum eine Farbe vereint so viele Gegensätze.
Orange steht für Genuss, Kreativität, Lebensfreude und Geselligkeit. Gleichzeitig ist sie unsere Warnfarbe schlechthin: Rettungswesten sind orange. Rettungsringe ebenfalls. Straßenmeistereien, Müllabfuhr oder Forstarbeit setzen auf Orange, weil diese Farbe schon von Weitem sichtbar ist. Orange schützt Menschen. Im wahrsten Sinn des Wortes.
Dennoch denken die meisten von uns bei Orange zuerst an etwas Fröhliches: an Marillen, Pfirsiche, Ringelblumen, Papayas, Sonnenuntergänge oder den Duft der Orangenblüten und der Früchte an sich.
Orange verbindet die Wärme des Rot mit der Leichtigkeit des Gelb. Ich denke, dass genau diese Mischung ihr Geheimnis ist: Sie wärmt, ohne zu drängen. Sie fällt auf, ohne aggressiv zu sein. Orange macht Lust auf Leben.
Wenn eine Farbe vereinnahmt wird
Wie viele andere Farben wurde auch Orange immer wieder politisch oder religiös aufgeladen.
In den Niederlanden wurde sie zur Farbe des Königshauses Oranien. In Irland steht sie seit Jahrhunderten für den protestantischen Bevölkerungsteil. Im Buddhismus wiederum symbolisiert Safranorange den Weg der Erkenntnis, den bewussten Verzicht und die innere Entwicklung.
Auch in Österreich wurde versucht, Orange politisch zu besetzen. Als sich vor einigen Jahren eine neue Partei gründete und Orange als Parteifarbe wählte, muss ich gestehen: Ich konnte diese Farbe eine Zeit lang kaum noch ansehen. Dabei hatte Orange ja überhaupt nichts getan. Die Farbe wurde lediglich mit einer politischen Botschaft verbunden worden, die nicht meine war.
Interessanterweise hielt diese Vereinnahmung nicht lange. Heute denkt kaum noch jemand zuerst an diese Partei.
Orange scheint sich gegen solche Zuschreibungen zu wehren. Früher oder später wird sie wieder das, was sie eigentlich ist: eine Farbe.
Orange ist zu laut. Oder vielleicht einfach nur zu lebendig.
Je länger ich mich mit Orange beschäftige, desto öfter frage ich mich, ob viele der Eigenschaften, die dieser Farbe zugeschrieben werden, tatsächlich etwas über Orange erzählen. Oder nicht eher viel über uns.
Orange gilt als laut, auffällig, extravagant, aufdringlich und unangepasst.
Das ist spannend. Denn dieselben Zuschreibungen begegnen uns bis heute dort, wo Frauen beginnen, sichtbar zu werden.
Wo sie nicht mehr leise sind. Nicht mehr gefällig. Nicht mehr bereit, sich kleiner zu machen, als sie sind.
Im patriarchalen Denken gilt eine Frau so lange als angenehm, solange sie möglichst wenig Raum einnimmt. Freundlich darf sie sein. Kreativ auch, in einem genau definierten Rahmen. Attraktiv ohnehin, je nach aktuell geltendem Schönheitsideal.
Aber bitte nicht so sehr, dass sie bestehende Regeln infrage stellt oder allzu selbstbewusst auftritt.
Irgendwann im Leben kommt dann ein gesellschaftliche Wendepunkt. Spätestens m it den Wechseljahren gelten Frauen plötzlich als „schwierig“.
Oder sie werden unsichtbar.
Tatsache ist, dass viele Frauen einfach irgendwann damit aufhören, sich ständig anzupassen. Sie sagen klar, was sie denken. Sie verschwenden ihre Energie nicht mehr darauf, gefallen zu wollen. Sie erlauben sich Lebenslust, Humor, Kreativität und Eigenwilligkeit.
Genau dann beginnen manche Menschen, sie als schwierig einzustufen. Nicht mehr ins Schwarz-Weiß Denken passend, zu laut, zu viel Avantgarde, zu präsent.
Orange kennt dieses Missverständnis seit Jahrhunderten.
Möglicherweise beschreibt diese Farbe deshalb also gar keine Farbe.
Möglicherweise beschreibt sie den Mut, sichtbar zu sein, hervorzustechen, sich nicht mehr hinter staubigen Fassaden verstecken zu können … oder es zu wollen.
Die schönsten Farben zeigen sich oft erst später
Es gibt noch einen Gedanken, der mich jedes Jahr aufs Neue berührt: Viele glauben, die Bäume würden sich im Herbst orange färben.
Eigentlich stimmt das gar nicht.
Die orangefarbenen, roten und gelben Farbstoffe waren den ganzen Sommer über bereits vorhanden. Sie wurden lediglich vom Chlorophyll überdeckt. Erst wenn sich das Grün langsam zurückzieht, kommen jene Farben zum Vorschein, die schon die ganze Zeit da waren.
Ich finde diesen Gedanken wunderschön.
Denn vielleicht gilt das nicht nur für Blätter.
Vielleicht gibt es im Leben so etwas wie innere Farben, die erst dann sichtbar werden, wenn wir aufhören, ständig Erwartungen erfüllen zu wollen.
Ich kenne viele Frauen, die im Alter selbstbewusster sind als mit zwanzig oder dreißig. Lebendiger. Kreativer. Humorvoller. Und mutiger.
Sie tragen ihre natürlichen Farben offen nach außen.
Sie müssen niemandem mehr beweisen, dass sie dazugehören.
Sie gehören längst zu sich selbst.
Ich denke, dass ist einer der Gründe, warum Orange für mich nicht nur eine Farbe ist, die mich seit meiner Jugend begleitet.
Sondern auch eine Farbe der Reife, eine Farbe des leuchtende, lachenden und lebendigen Daseins.
Eine Farbe, die sich nicht versteckt und die auch Kontroversen nicht scheut, wenn dadurch etwas in Bewegung kommen kann.

Orange hat nie versucht allen zu gefallen
Orange tanzt durchs Leben, egal ob man die Farbe mag oder so gar nicht mit ihr kann. Es ist ihr egal, sie leuchtet.
Sie war zu exotisch. Zu laut. Zu fröhlich. Zu auffällig. Zu lebendig.
Und trotzdem ist sie geblieben.
Sie lacht in den reifen Aprikosen. Sie steckt in einem Glas selbst eingekochter Marillenmarmelade, das mitten im Winter den Sommer wieder auf den Frühstückstisch bringt. Sie glüht im Sonnenuntergang, blüht zwischen Ringelblumen und zeigt uns jedes Jahr in den Bäumen, dass die schönsten Farben manchmal die sind, die von Anfang an in uns vorhanden waren.
Orange erinnert uns daran, dass Lebensfreude kein Privileg der Jugend ist.
Dass Kreativität kein Verfallsdatum kennt.
Und dass Menschen – genau wie Bäume – ihre schönsten Farben manchmal erst dann zeigen, wenn sie aufhören, sich hinter einem ewig einheitlichen Grün zu verstecken.
Mag sein, dass Orange deshalb keine einfache Farbe ist.
Aber sie ist eine zutiefst ehrliche.
Und das ist möglicherweise genau der Hauptgrund, warum ich sie schon mein ganzes Leben lang liebe.



