Über den Ernteschnitt, Verantwortung und warum weder Spirits noch Karten Entscheidungen für uns treffen können.
Es gibt Entscheidungen, nach denen das Leben zwar weitergeht – aber nie mehr genauso ist wie davor.
Manche davon treffen wir mit zwanzig. Andere erst mit fünfzig oder sechzig. Manche erscheinen im ersten Moment groß und verlieren später an Bedeutung. Andere wirken unscheinbar und verändern rückblickend unser ganzes Leben.
Eine Beziehung beginnt oder endet. Ein Haus wird verkauft. Ein Beruf aufgegeben. Ein Kind kommt zur Welt. Ein geliebter Mensch stirbt. Oder wir müssen plötzlich für jemanden entscheiden, der es selbst nicht mehr kann.
Je älter wir werden, desto seltener geht es um die Frage, welche Möglichkeit die angenehmere ist. Irgendwann gibt es keine perfekten Lösungen mehr. Nur noch unterschiedliche Konsequenzen.
Genau deshalb habe ich das Schnitterfest — das Jahreskreisfest, wo es um den Ernteschnitt geht — lange nicht verstanden. Nicht, weil ich keinen Bezug zur Landwirtschaft gehabt hätte. Sondern weil ich geglaubt habe, es ginge um die Ernte. Um Fülle. Dankbarkeit. Das Einbringen der Früchte eines Jahres.
Heute sehe ich das anders. Das eigentliche Wesen dieses Jahreskreisfestes liegt nicht in der Ernte.
Es liegt im Schnitt. Denn jede Ernte beginnt mit einer Entscheidung.
Vor ein paar Tagen bin ich an einem Getreidefeld vorbeigegangen. Die Ähren standen goldgelb und schwer im Wind. Zwei Tage später war das Feld abgeerntet. Kurz darauf zog ein heftiger Hagelsturm über die Gegend.
Ob die Bäuerin oder der Bauer einfach Glück hatte, die Wetter-App genauer beobachtet hat oder jahrzehntelange Erfahrung ausschlaggebend war, weiß ich nicht. Tatsache ist: Die Entscheidung, genau an diesem Tag zu ernten, war richtig. Das Korn war sicher eingebracht.
Von außen betrachtet wirkt das einfach.
Das Korn ist reif. Also wird geerntet.
Wer selbst schon einmal mit landwirtschaftlichen Betrieben zu tun hatte, weiß, dass es so einfach nicht ist.
Sind die Ähren wirklich reif? Ist der Mähdrescher verfügbar? Hat die Person Zeit, die ihn fährt?
Passen die anderen Felder in den Ablauf? Bleibt das Wetter stabil?
Aus einer einzigen Entscheidung werden plötzlich viele kleine Entscheidungen. Und wenn nur eine davon nicht aufgeht, bleibt das Feld stehen. Im schlimmsten Fall vernichtet ein Hagelsturm in wenigen Minuten das, was ein ganzes Jahr wachsen durfte.
Genau so ist es im Leben. Auch unsere großen Entscheidungen bestehen aus unzähligen kleinen.
Irgendwann kommt der Moment, an dem wir erkennen, dass es gar nicht mehr darum geht, die perfekte Wahl zu treffen. Sondern überhaupt bereit zu sein, zu wählen.
Das Wort Ent-Scheidung gefällt mir. Nicht nur wegen seiner Bedeutung. Sondern weil darin das Wort Scheidung, also Trennung, steckt.
Mit jeder Entscheidung trennen wir etwas.
Wir sagen Ja. Und gleichzeitig sagen wir Nein zu etwas anderem. Wir sprechen oft vom Mut zum Ja. Vom Mut zum Nein deutlich seltener. Dabei ist genau das der eigentliche Schnitt.
Der Schnitter schneidet das Korn nicht ab, weil er es zerstören möchte. Er schneidet es, weil daraus Nahrung entsteht. Weil genau dieser Schnitt das Leben weiterträgt.
So betrachtet erzählt das Lughnasad, das Schnitterfest, nicht von der Ernte. Es erzählt davon, dass Wachstum irgendwann den Mut braucht, etwas zu beenden. Das Leben bereitet uns auf solche Momente langsam vor. Das erkennt man allerdings erst rückwirkend.
Als Kinder entscheiden wir, welches Eis wir möchten oder welche Schuhe wir anziehen. Später wählen wir eine Ausbildung, einen Beruf oder einen Wohnort. Mit den Jahren verändert sich die Qualität unserer Entscheidungen und plötzlich geht es nicht mehr um Vorlieben, sondern um Verantwortung.
Vor fast zehn Jahren musste ich eine Entscheidung treffen, die ich niemandem wünsche.
Nach einer schweren Hirnblutung meiner Mutter musste ich – weil mein Vater dazu alleine nicht in der Lage war – gemeinsam mit den Ärztinnen und Ärzten entscheiden, ob die lebenserhaltenden Maschinen abgeschaltet werden. Jahre zuvor hatte ich diese Entscheidung bereits für unseren alten Kater treffen müssen. Damals ahnte ich noch nicht, dass das Leben mich auf etwas vorbereitete.
Sieben Jahre später stand ich erneut vor ähnlichen Entscheidung. Diesmal ging es um den Pflegevertrag meines Vaters. Wenig später dann um seine Aufnahme ins Hospiz.
Für keine dieser Entscheidungen fühlt man sich bereit. Es gibt keinen Kurs. Keine Checkliste. Kein Ritual, das einem diese Last abnimmt.
Und genau dort begann ich die Qualität des Ernteschnittes zu verstehen. Es geht nicht um Getreide. Es geht um das Leben. Um jene Momente, in denen wir schneiden müssen, obwohl wir lieber festhalten würden. Um den Augenblick, in dem Liebe und Loslassen keine Gegensätze mehr sind.
Inhaltsübersicht
Verantwortung lässt sich nicht delegieren
Je älter ich werde, desto häufiger begegnen mir Sätze wie: „Das Universum wird schon wissen, was richtig ist.“ Oder: „Ich überlasse das den Spirits, den Engeln, dem Schicksal.“ Manche ziehen noch eine Karte, andere warten auf ein Zeichen oder hoffen, dass sich die Dinge von selbst fügen.
Versteh mich nicht falsch. Ich arbeite selbst mit Ritualen, habe erst vor kurzem ein Kartenset publiziert. Ich schätze die Kraft der Jahreskreisfeste, die Symbolik der Natur und jene Momente, in denen wir still werden und einen Schritt zurücktreten. Gerade in einer Zeit, in der alles schneller, lauter und hektischer wird, können sie uns helfen, wieder bei uns selbst anzukommen. Sie eröffnen neue Blickwinkel und schaffen einen Raum, in dem Gedanken reifen dürfen.
Doch genau das ist ihre Aufgabe. Sie begleiten uns. Sie ersetzen uns nicht.
Irgendwann kommt der Moment, an dem wir selbst handeln müssen. Kein Spirit wird für uns die Verantwortung tragen. Keine Göttin unterschreibt den Pflegevertrag. Kein Krafttier kündigt unseren Job. Kein Engel beendet unsere Beziehung.
Diese Entscheidung bleibt unsere.
Vielleicht begleitet. Vielleicht getragen. Vielleicht inspiriert.
Aber niemals ersetzt.
Für mich ist das kein Widerspruch zur Spiritualität. Im Gegenteil. Eine gelebte Spiritualität zeigt sich nicht darin, Verantwortung abzugeben, sondern darin, den Mut zu finden, sie anzunehmen.
Warum fällt uns das trotzdem so schwer?
Weil jede Entscheidung auch bedeutet, ihre Folgen mitzutragen. Genau davor haben viele Menschen Angst. Nicht vor der Entscheidung selbst, sondern vor der Möglichkeit, dass sie sich im Nachhinein als schmerzhaft herausstellen könnte.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir uns gegen nahezu alles absichern. Es gibt Versicherungen, Garantien und Rückgaberechte. Geht etwas schief, beginnt oft sofort die Suche nach einer Ursache – und nach jemandem, der schuld sein könnte. Der Hersteller. Die Politik. Die Umstände. Die Kindheit. Das Karma. Oder der Bauer, dessen Kühe tatsächlich auf seiner eigenen Weide stehen.
Hauptsache, wir selbst bleiben sauber.
Dabei ist genau das eine Illusion. Denn Verantwortung verschwindet nicht, nur weil wir sie weiterreichen. Wer nicht entscheidet, trifft ebenfalls eine Entscheidung. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass wir uns selbst erzählen können, das Schicksal, das Universum oder ein anderer Mensch hätte sie für uns getroffen.
Doch das Leben wartet nicht. Während wir hoffen, dass sich etwas von selbst löst, läuft die Kündigungsfrist weiter. Die Krankheit schreitet voran. Beziehungen verändern sich. Eltern werden älter. Kinder werden erwachsen. Das Leben trifft seine Entscheidungen – unabhängig davon, ob wir unsere bereits getroffen haben oder noch immer davor davonlaufen.
Für mich liegt genau darin der Unterschied zwischen Erwachsensein und innerer Reife. Erwachsen werden wir ganz von selbst. Reife entsteht erst dann, wenn wir akzeptieren, dass Verantwortung ein Teil des Lebens ist. Nicht weil uns das Freude bereitet, sondern weil wir erkennen, dass Liebe, Verbundenheit und Verantwortung untrennbar zusammengehören.
Wer liebt, übernimmt Verantwortung. Wer Kinder hat, übernimmt Verantwortung. Wer einen Beruf ausübt, übernimmt Verantwortung. Wer sich für einen Menschen entscheidet, übernimmt Verantwortung. Und wer einen geliebten Menschen gehen lassen muss, übernimmt sie ebenso.
Das Leben fragt uns dabei nicht, ob wir uns bereit fühlen. Es fragt nur irgendwann, ob wir bereit sind, zu antworten.
Woran erkennt man eine gute Entscheidung?
Spätestens an dieser Stelle kommt meist die Frage: Woher weiß ich überhaupt, ob meine Entscheidung die richtige ist?
Die ehrliche Antwort lautet: Gar nicht. Zumindest selten bis nie im Voraus.
Viele Menschen suchen nach der perfekten Entscheidung. Nach jener einen Wahl, bei der garantiert nichts schiefgehen kann. Doch genau diese Sicherheit gibt es nicht. Wir treffen unsere Entscheidungen immer mit dem Wissen, den Erfahrungen und den Möglichkeiten, die uns in diesem Moment zur Verfügung stehen. Rückblickend sind wir fast immer klüger. Das macht die damalige Entscheidung aber nicht automatisch falsch.
Für mich erkennt man eine gute Entscheidung daran, dass Herz, Hirn und Nervensystem dieselbe Sprache sprechen. Der Verstand sammelt Fakten, das Herz prüft unsere Werte und das Nervensystem meldet sich oft als Erstes zu Wort. Noch bevor wir etwas bewusst denken, spannt sich der Bauch an oder der Atem verändert sich. Unser Körper verrät häufig schneller als unser Kopf, ob etwas stimmig wirkt. Diese Reaktionen sollte man ernst nehmen.
Nicht, weil jede körperliche Anspannung automatisch bedeutet, dass eine Entscheidung falsch ist. Sondern weil sie ein Hinweis darauf ist, noch einmal genauer hinzusehen.
Wenn mein Kopf eine Lösung logisch findet, mein Inneres aber querliegt, halte ich inne. Dann gehe ich noch einmal zurück, sammle weitere Informationen oder betrachte die Situation bewusst aus einer anderen Perspektive. Häufig zeigt sich dabei etwas, das ich vorher übersehen habe.
Sind Herz, Hirn und Körper schließlich auf einer Linie, folgt für mich noch ein letzter Schritt: Ich schlafe darüber. Nicht eine Stunde. Nicht bis morgen früh.
Sondern – wenn es die Situation zulässt – ein oder zwei Nächte.
Die wenigsten Entscheidungen müssen innerhalb weniger Minuten getroffen werden. Ausnahmen gibt es natürlich. Eine Notaufnahme im Krankenhaus wartet nicht. Die meisten Entscheidungen unseres Alltags hingegen schon.
Diese Zeit schenke ich nicht meinem Verstand, sondern meinem Nervensystem. Hat es nach zwei Tagen noch immer dieselbe Richtung? Fühlt sich die Entscheidung weiterhin ruhig und klar an? Dann weiß ich, dass sie trägt.
Interessanterweise bedeutet das nicht, dass sie leicht ist.
Eine Entscheidung kann traurig sein. Sie kann wehtun. Sie kann Tränen kosten.
Und trotzdem stimmig sein.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Eine reife Entscheidung fühlt sich nicht deshalb gut an, weil sie angenehm ist.
Sie fühlt sich gut an, weil Herz, Hirn und Körper aufgehört haben, gegeneinander zu kämpfen.
Entscheidungen wachsen selten über Nacht
Wenn Herz, Hirn und Nervensystem auf derselben Linie liegen, ist eine wichtige Voraussetzung erfüllt. Trotzdem bleibt eine Entscheidung genau das: eine Entscheidung. Sie nimmt uns die Unsicherheit nicht vollständig. Sie macht das Leben nicht plötzlich einfach. Aber sie schenkt uns etwas anderes – einen inneren Standpunkt.
Und genau darum geht es.
Viele Menschen warten darauf, dass sich eine Entscheidung irgendwann leicht anfühlt. Dass plötzlich alle Zweifel verschwinden und sie mit hundertprozentiger Sicherheit wissen: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt.
Auf diesen Moment kann man lange warten.
Entscheidungen reifen ähnlich wie das Korn auf dem Feld. Man kann den Prozess nicht beschleunigen, indem man jeden Tag daran zieht. Es braucht Zeit, Erfahrung und manchmal auch ein paar Regentage, bis der richtige Augenblick gekommen ist. Wer zu früh schneidet, verliert Ertrag. Wer zu lange wartet, riskiert, dass der Sturm kommt.
Auch das gehört zu Lughnasad: Reife bedeutet manchmal, nicht länger zu warten.
Meine Ent-Scheidungs-Tools
Wenn ich vor einer größeren Entscheidung stehe und die Gedanken im Kreis laufen, versuche ich nicht, sie zur Ordnung zu rufen. Ich gebe ihnen Raum:
Ich schreibe.
Ich notiere alles, was für die eine Möglichkeit spricht, und alles, was dagegenspricht. Dasselbe mache ich mit der anderen Option. Nicht, um am Ende die meisten Punkte auszuzählen, sondern um meinen Gedanken überhaupt einmal Platz zu geben.
Erstaunlich oft zeigt sich dabei schon ein Muster. Manche Argumente tauchen immer wieder auf, andere verlieren plötzlich an Bedeutung, sobald sie schwarz auf weiß vor einem liegen.
Wenn Menschen von meiner Entscheidung betroffen sind und ich ihre Sichtweise hören möchte, frage ich sie ganz bewusst nach ihren drei wichtigsten Argumenten – nicht nach zwanzig. Zu viele Meinungen schaffen selten mehr Klarheit. Meist erzeugen sie nur mehr Lärm.
Manchmal reicht diese einfache Übung bereits aus. Manchmal aber nicht.
Es gibt Entscheidungen, bei denen Herz und Verstand trotz aller Listen keine gemeinsame Sprache finden. Dann hilft es wenig, noch ein weiteres Blatt Papier zu beschreiben. Dann lohnt es sich, das Unterbewusstsein mit ins Boot zu holen.
Eine Psychotherapeutin hat mir vor vielen Jahren dafür eine Übung gezeigt, die mich bis heute begleitet. Sie trägt einen wunderbaren Namen:
„Das Eine, das Andere und etwas ganz anderes.“
Allein dieser dritte Satz verändert bereits etwas. Denn plötzlich gibt es nicht mehr nur Schwarz oder Weiß. Nicht mehr nur Ja oder Nein. Sondern die Möglichkeit, dass das Leben noch eine Tür kennt, die wir bisher gar nicht gesehen haben.
Für diese Übung brauchst du drei gleiche Kuverts und drei gleich große Zettel. Auf einen schreibst du die erste Entscheidungsmöglichkeit, auf den zweiten die andere und auf den dritten lediglich den Satz: „Etwas ganz anderes.“ Mehr nicht.
Die Zettel verschwinden in den Kuverts, werden gut durchgemischt und anschließend im Raum verteilt. Nicht nach Plan, sondern dorthin, wo es sich im jeweiligen Moment stimmig anfühlt. Jeder Umschlag wird zu einem Bodenanker – ohne dass du weißt, welche Möglichkeit sich darin verbirgt.
Danach beginnt der eigentlich spannende Teil.
Du stellst dich nacheinander auf jeden dieser Plätze, direkt auf das Kuvert und bleibst dort einige Minuten stehen. Nicht, um nachzudenken. Sondern um wahrzunehmen. Wie verändert sich deine Körperhaltung? Wird dein Atem ruhiger oder flacher? Möchtest du dort stehen bleiben oder möglichst schnell wieder weitergehen?
Fühlt sich der Platz weit an oder eng? Leicht oder schwer?
Es geht nicht darum, spektakuläre Erlebnisse zu haben. Es geht darum, deinem Körper zuzuhören, bevor dein Verstand wieder beginnt, alles erklären zu wollen.
Erst ganz zum Schluss, wenn du auf allen 3 Ankern gestanden bist, öffnest du die Kuverts.
Oft ist die Überraschung groß.
Nicht selten stellt sich heraus, dass sich ausgerechnet die Möglichkeit am stimmigsten angefühlt hat, die der Kopf vorher kategorisch ausgeschlossen hatte.
Und manchmal liegt die größte Ruhe tatsächlich auf jenem Bodenanker, auf dem „Etwas ganz anderes“ steht.
Das bedeutet nicht, dass diese dritte Möglichkeit bereits fertig vor dir liegt. Es bedeutet lediglich, dass dein Inneres spürt, dass die bisherigen beiden Optionen das eigentliche Thema noch gar nicht vollständig erfassen. Dann lohnt es sich, noch einmal ein paar Schritte zurückzugehen und zu fragen, welche Möglichkeit bisher übersehen wurde.
Auch das ist eine Form von Reife.
Nicht krampfhaft zwischen zwei Türen zu wählen, wenn vielleicht längst ein Fenster offensteht.
Es gibt allerdings Situationen, in denen all das nicht möglich ist. Das Leben wartet manchmal nicht darauf, dass wir Kuverts beschriften oder Bodenanker auslegen.
Dann greife ich zu einem Werkzeug, das auf den ersten Blick fast lächerlich einfach wirkt.
Ich werfe eine Münze.
Nicht, weil die Münze meine Entscheidung treffen soll. Sondern weil sie etwas viel Wertvolleres sichtbar macht.
In dem Moment, in dem sie auf einer Seite liegen bleibt, geschieht oft etwas Interessantes. Noch bevor wir das Ergebnis bewusst wahrnehmen, regt sich in uns eine leise Stimme. Manchmal ist sie erleichtert. Manchmal protestiert sie sofort.
„Nein, bitte nicht das.“
Oder:
„Ja. Genau das wollte ich eigentlich.“
Die Münze macht lediglich hörbar, was unser Inneres längst entschieden hat.
Am Ende bleibt nur ein Ja oder ein Nein
Irgendwann endet jedes Abwägen. Jedes Gespräch, jede Liste und jede Bodenanker-Aufstellung haben ihren Zweck erfüllt. Irgendwann liegt das Korn vor uns und der Schnitt muss erfolgen.
Das ist die Weisheit von Lughnasad, dem Schnitterfest.
Es fordert uns nicht dazu auf, möglichst viele Früchte zu sammeln. Es erinnert uns daran, dass jede Ernte einen Schnitt voraussetzt. Dass Wachstum immer auch Loslassen bedeutet und dass beides untrennbar miteinander verbunden ist.
Ich habe viele Jahre gebraucht, um diese Zeitqualität wirklich zu verstehen. Heute sehe ich den Ernteschnitt nicht mehr als bäuerliche Tradition oder folkloristischen Brauch. Für mich ist er zu einem Sinnbild geworden. Für jene Momente im Leben, in denen wir Verantwortung übernehmen müssen – für unser eigenes Handeln, für unsere Beziehungen und manchmal auch für Entscheidungen, die wir uns niemals ausgesucht hätten.
Die wohl schwierigste Erkenntnis dabei ist, dass es keine Garantie gibt. Keine dafür, dass jede Entscheidung richtig sein wird. Keine dafür, dass wir nie zweifeln oder Schmerz erleben werden. Wer entscheidet, geht immer auch ein Risiko ein. Das gehört zum Leben.
Was wir jedoch sehr wohl beeinflussen können, ist die Art und Weise, wie wir entscheiden. Ob wir einer Entscheidung ehrlich begegnen oder vor ihr davonlaufen. Ob wir sie an andere delegieren oder bereit sind, ihre Folgen mitzutragen. Ob wir unserem Herzen, unserem Verstand und unserem Körper gleichermaßen zuhören – oder ausschließlich unserer Angst.
Manchmal helfen dabei Menschen. Manchmal Gespräche. Manchmal eine Nacht Schlaf. Manchmal eine Bodenanker-Aufstellung oder ein Blatt Papier voller Gedanken. Und manchmal genügt ein einziges Bild oder ein Satz, der plötzlich eine Tür öffnet, die wir bisher gar nicht gesehen haben.
In solchen Situationen arbeite ich dann auch gerne mit meinem Wurzelkraft-Kartenset. Nicht, weil mir die Karten sagen werden, was ich tun soll. Ganz im Gegenteil. Ich ziehe für jede mögliche Entscheidung eine Karte und lasse sie auf mich wirken. Oft taucht dabei nicht sofort eine Antwort auf, sondern eine Frage, die ich mir bisher noch gar nicht gestellt habe. Genau deshalb mag ich diese Arbeit so sehr. Gute Karten beantworten keine Fragen. Sie helfen uns, bessere Fragen zu finden.
Vor einiger Zeit bin ich auf einen Satz von Angela Doe gestoßen, der mich seitdem begleitet. Er findet sich auch in der Beschreibung der Karte „Loslassen“ im Wurzelkraft-Kartenset und bringt für mich auf den Punkt, worum es bei vielen Entscheidungen eigentlich geht:
„Du darfst jemanden vermissen und ihn trotzdem nicht mehr in deinem Leben haben wollen.“
Für mich beschreibt dieser Satz das Wesen des Loslassens:
Wir dürfen etwas lieben und trotzdem gehen lassen.
Wir dürfen traurig sein und trotzdem handeln.
Wir dürfen zweifeln und trotzdem unseren Weg gehen.
Das ist die Essenz des Schnitterfestes: Der Schnitt geschieht nicht aus Härte, sondern damit Leben weitergehen kann.
Irgendwann erkennen wir, dass es nie um die perfekte Entscheidung gegangen ist. Entscheidend war nie, fehlerlos zu handeln. Entscheidend war, Verantwortung für die eigene Entscheidung zu übernehmen – mit offenem Herzen, klarem Verstand und einem ruhigen Nervensystem.
Und am Ende bleibt tatsächlich nur ein Ja oder ein Nein.
Nicht, weil ein Spirit diese Antwort für uns gefunden hat.
Nicht, weil das Universum sie vorgegeben hat.
Sondern weil wir bereit geworden sind, sie selbst zu tragen.
Es ging nie um die Entscheidung selbst.
Es ging immer darum, zu dem Menschen zu werden, der bereit ist, sie zu tragen.




