Feuer.

Ich habe den Wald brennen sehen.

Mehrmals im Verlauf vieler Jahre. Zum ersten Mal bewusst und sehr nah vor langer Zeit in Griechenland, auf der Peloponnes. Zum vorerst letzten Mal vor wenigen Tagen, als einmal mehr der Föhrenwald in Niederösterreich brannte.

Luftlinie etwa 7,5 Kilometer von meinem Zuhause entfernt. Mit dem Auto vielleicht 15 Minuten.

Der Wind hat diese Distanz mühelos überwunden und uns neben dem Brandgeruch auch Asche und verkohlte Rindenstücke gebracht. Zum Glück ohne Glut. Die Warnung war trotzdem klar und direkt: Es kann auch hier jederzeit losgehen.

Ich kenne diesen Föhrenwald seit meiner Kindheit. Ich weiß, dass es dort regelmäßig brennt. Alle paar Jahre schwer und groß. Die Ursachen sind unterschiedlich. Manchmal ist es menschliche Dummheit oder Unachtsamkeit, manchmal sind es Altlasten aus dem Krieg. Noch immer liegt Munition im Boden, die sich bei großer Hitze entzünden kann. Beim ersten großen Brand Anfang August war vermutlich genau das der Auslöser.

Was heute anders ist als früher, ist die unfassbare Trockenheit, die uns seit Jahresbeginn – eigentlich schon viel länger – begleitet.

Die vergangenen zwölf Monate waren in Österreich laut GeoSphere Austria die trockensten seit Beginn der Messgeschichte im Jahr 1850. Seit Monaten fehlt Niederschlag, besonders im Osten Österreichs. Die Böden sind trocken, Brunnen versiegen, die Flüssen und Bäche haben historische Tiefständen, die Bäume geraten unter Stress.

Der Wald wird zum Zunder.

Auch die Schwarzföhre hält dem Feuer zunächst vergleichsweise viel entgegen. Doch wenn ihr schwer harzgetränktes Holz einmal brennt, dann brennt es mit aller Kraft.

Beim ersten großen Brand Anfang August standen mehr als 550 Feuerwehrleute im Einsatz. Rund 100 Hektar Wald brannten. Die Löschteiche waren leer. Wenige Tage später brannte es wieder. Diesmal waren rund 700 Feuerwehrleute im Einsatz, Menschen mussten ihre Häuser verlassen.

Seit Anfang Juni hören wir hier immer wieder Bitten und Warnungen der Verantwortlichen, Wasser zu sparen. Die Brunnen rundum sind so gut wie leer. Meine Zisterne hat noch etwas Wasser, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch das weg ist.

Trotzdem steht in jedem zweiten oder dritten Garten ein voller Pool. So mancher Rasen ist auch im fortgeschrittenen Sommer noch quietschgrün. Zwar ohne Wiesenblumen, aber dafür schön saftig.

Ich habe den Wald brennen sehen

Es ist eines der furchtbarsten Bilder, die ich je vor Augen hatte.

Diesmal war es „nur“ die Rauchwolke am Horizont, dazu Fotos in den Nachrichten und auf Social Media. Doch die Bilder meiner ersten derartigen Begegnung haben sich so tief eingebrannt, dass ich nur die Augen schließen muss und wieder dort bin.

Baumhohe Flammen, die mit spielerisch-wütender Leichtigkeit das Geäst verzehren und zum nächsten Baum tanzen. Ganze Hänge, die in einem Atemzug verschwinden. Verkohlte, von innen heraus geborstene Stämme der Olivenbäume. Der Lärm der Flammen, vermischt mit dem Lärm der Flugzeuge und Hubschrauber, dazu der Wind.

Diesmal waren es Föhren. Schwarzkiefern.
Keine Olivenbäume. Keine Pinien.
Den Flammen ist es egal.

Dann dieser unfassbar dichte Qualm, den man kilometerweit sieht. Der einem schon durch seinen Anblick die Luft nimmt, weil die Angst laut um Aufmerksamkeit schreit und wissen will, wie schnell man sein Leben zusammenpacken kann. Was man mitnimmt. Was man zurücklässt. Wohin man fährt, sollte es bei uns so weit kommen.

Sollte ich jemals ein Bild der Apokalypse malen wollen, dann wäre es dieses: Qualm und explodierende Bäume. Meterhohe Flammen und davor winzig kleine Menschen, die mit aller Kraft versuchen, das Inferno einzudämmen.

Meine tiefste Hochachtung in diesen Tagen gehört den unzähligen Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehren rundum. Der Mut, sich diesem Szenario entgegenzustellen, ist unglaublich.

Übertroffen wird er nur von der Wut, die sich in mir über das Schweigen unserer politisch Verantwortlichen aufbaut.

Sie haben das Feuer nicht gelegt.

Sie können keinen Regen machen. Sie können kein Wasser herbeizaubern, wo keines mehr ist. Sie können auch die nächste Hitzewelle nicht einfach abdrehen.

Aber sie könnten definitiv mehr tun, als zu schweigen.

Denn Schweigen ist auch eine Entscheidung.

„Früher war es auch heiß“

Natürlich war es das.

Vor rund 125.000 Jahren, während der letzten Warmzeit, war die Erde zeitweise sogar wärmer als vor der Industrialisierung. Allerdings war es eine andere Welt unter anderen Bedingungen. Die Erwärmung wurde damals wesentlich durch Veränderungen der Erdbahn und der Sonneneinstrahlung ausgelöst. Die CO₂-Konzentration lag bei ungefähr 266 bis 282 ppm.

Heute liegen wir bei rund 428 ppm.

Für vergleichbare CO₂-Konzentrationen müssen wir nicht 125.000 Jahre, sondern etwa drei Millionen Jahre zurückgehen. Damals sah die Erde anders aus. Der Meeresspiegel lag langfristig deutlich höher, die Eisschilde waren kleiner und Wälder reichten in Regionen, in denen heute Tundra liegt. Auch unsere eigene Geschichte stand an einem völlig anderen Punkt: Frühmenschen und Vormenschenarten wie die Australopithecinen zogen durch diese Welt – von unserer heutigen Zivilisation war noch nicht einmal im entferntesten etwas zu sehen.

Vor allem aber geschieht die gegenwärtige Veränderung in einem atemberaubenden Tempo. Der Anstieg der CO₂-Konzentration erfolgt um Größenordnungen schneller als die natürlichen Veränderungen, die wir aus der jüngeren Erdgeschichte kennen.

„Früher war es auch einmal warm“ ist deshalb zwar richtig.
Es ist nur keine besonders brauchbare Antwort auf das, was gerade passiert.

Die Erde wird weiterbestehen. Das hat sie nach gewaltigen Klimaveränderungen, Vulkanausbrüchen, Eiszeiten und Massenaussterben immer getan. Die interessantere Frage ist: Wie werden wir auf ihr leben?

Wie wollen wir leben?

Wir stehen vor Veränderungen, die uns lange begleiten werden. Selbst wenn wir morgen vieles richtig machen, drehen wir die Entwicklung nicht einfach zurück. Wir müssen deshalb beides gleichzeitig lernen: den Klimawandel so weit wie möglich begrenzen und uns an jene Veränderungen anpassen, die längst begonnen haben.

Dafür brauchen wir Pläne.

Wir brauchen Fachleute, die ernst genommen werden und Wege aufzeigen, wie wir mit Hitze, Trockenheit, Waldbrandgefahr und knapper werdendem Wasser umgehen können. Wir brauchen Städte und Dörfer, die Schatten schaffen statt weitere Flächen zu versiegeln. Böden, die Wasser aufnehmen können. Konzepte, die Regenwasser dort halten, wo es fällt. Wälder, Landwirtschaft und Gärten, die nicht für ein Klima geplant werden, das es so nicht mehr gibt.

Wir brauchen Tatkraft, Herz und Verstand. Dazu den Mut, auch Dinge zu verändern, die bequem, vertraut oder beliebt sind.

Was wir nicht brauchen, ist Schweigen.

Zynismus.

Dumme Sprüche à la „Früher war’s auch mal warm“.

Ignoranz.

Diese Krise kann niemand mehr aussitzen.

Wer den Kopf in den Sand steckt, könnte feststellen, dass selbst der inzwischen verdammt heiß geworden ist.

Aber wo fangen wir an?

Vielleicht dort, wo wir stehen.

Nicht, weil wir mit einer Regentonne, einem Baum oder einem nicht gegossenen Rasen die Klimakrise lösen werden. Das werden wir nicht. Persönliche Verantwortung darf niemals als Ausrede dafür dienen, politische Verantwortung abzuschieben.

Das Gegenteil stimmt allerdings genauso:

Politisches Versagen ist keine Ausrede für persönliche Untätigkeit.

Wir können unsere unmittelbare Umgebung anders betrachten. Muss ein Rasen im August wirklich grün sein? Muss Trinkwasser dafür sorgen, dass er es bleibt? Braucht es den großen Pool oder reicht vielleicht auch ein kleineres Becken? Welche Pflanzen kommen mit Hitze und Trockenheit besser zurecht? Wo können wir Regenwasser auffangen, wenn es endlich fällt? Wo Boden öffnen statt versiegeln? Wo Schatten erhalten und neuen schaffen?

Mein eigener Garten wird sich verändern müssen. Ich werde ausprobieren, beobachten und vermutlich Fehler machen. Weniger Rasen, mehr trockenheitsverträgliche Pflanzen. Regenwasser auffangen, solange welches fällt. Schatten erhalten und schaffen. Nicht gegen den Standort gärtnern, sondern mit ihm.

Vielleicht müssen wir uns dabei auch von manchen Bildern verabschieden, die wir bisher mit einem „schönen Garten“ verbunden haben.

Ein brauner Rasen im August ist kein Zeichen von Verwahrlosung.
Ein sattgrüner Rasen mitten in einer historischen Dürre ist aber auch kein Beweis dafür, dass alles in Ordnung ist und es zeugt auch nicht unbedingt davon, dass man den Ernst der Lage verstanden hat. 

Anpassung bedeutet nicht Kapitulation.

Sie bedeutet anzuerkennen, was ist – und daraus Konsequenzen zu ziehen.
Wir wissen nicht alles. Aber wir wissen längst genug, um anzufangen.

Wer sich intensiver mit dieser Frage beschäftigen möchte, dem möchte ich an dieser Stelle auch die Seite Wie wollen wir leben? ans Herz legen. Die Texte dort sind nicht immer leichte Kost und verlangen manchmal etwas Zeit. Aber vielleicht braucht es genau das gerade: Menschen, die sich die Zeit nehmen, über die Frage nachzudenken, wie wir eigentlich leben wollen – und wie ein gutes Leben unter veränderten Bedingungen aussehen kann.

Ich habe den Wald brennen sehen

Viel zu oft.
Viel zu nah.
Viel zu lange.
In viel zu vielen Teilen der Welt.

Ich will, dass das politische Schweigen endet und das Handeln beginnt.
Aber ich will auch nicht darauf warten.

Ich kann keinen Regen machen. Ich kann keine Hitzewelle beenden und keinen Waldbrand löschen. Dafür gibt es Menschen, vor deren Arbeit und Mut ich tiefsten Respekt habe.

Ich kann aber entscheiden, wie ich mit dem Wasser umgehe, das noch da ist. Was ich pflanze. Was ich schütze. Was ich fordere. Wen ich unterstütze. Worüber ich spreche.

Und worüber ich nicht mehr schweige.
Die Frage ist nicht mehr, ob wir etwas tun müssen.
Die Frage ist, was wir tun.
Und wann wir damit anfangen.

Ich wäre für jetzt.

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