Spirituelles Overachievement – wenn die Seele zur To-do-Liste wird

Neulich saßen einige Frauen bei mir am Tisch. Es war einer dieser entspannten Abende, an denen man über alles im Kleinen und vieles im Großen spricht, Erfahrungen austauscht und irgendwann bei den Themen landet, die einen gerade beschäftigen.

Irgendwann kam die Frage auf, wer aktuell spirituell was macht. Die Antworten waren interessant: Neue Methoden wurden entdeckt, spannende Workshops besucht, alte Techniken neu interpretiert, viele Erkenntnisse gewonnen, noch mehr Bücher gelesen, Ausbildungen wurden begonnen und neue Blickwinkel auf das Leben gefunden.

Und dann fiel mir etwas auf: Jene, die gerade nichts Besonderes zu erzählen hatten, begannen sich beinahe zu entschuldigen. Die Kinder, die Enkel, die Arbeit, der Alltag. Das Leben eben. Als müssten sie erklären, warum sie gerade keine Ausbildung machten, keine neue Methode ausprobierten oder nicht mitten in einem intensiven Transformationsprozess steckten.

Das Seltsame daran? Für einen kurzen Moment hatte auch ich das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Und das ließ mich nicht los.

Warum eigentlich? Seit wann ist einfach leben zu wenig?

Wenn Spiritualität zur nächsten Aufgabe wird

Wir leben in einer Zeit, in der Spiritualität allgegenwärtig geworden ist. Noch nie war es so einfach, Zugang zu Wissen, Methoden und Angeboten zu bekommen. Ein paar Klicks genügen und wir finden Meditationen, Rituale, Aufstellungen, Energiearbeit, Breathwork, Journaling, Schattenarbeit, Ahnenarbeit, Kartenlegen, schamanische Techniken, astrologische Deutungen, Portaltage, Frequenzanalysen, Eisbaden und die neuesten Erkenntnisse darüber, was wir jetzt gerade tun sollten, um in unserer Kraft zu sein.

Und damit wir nichts verpassen, liefern uns soziale Medien täglich Nachschub: neues Wissen, neue Methoden, neue Möglichkeiten – und manchmal auch neue Probleme. Denn irgendwo zwischen all den Lösungen entsteht erwächst der Eindruck, dass wir permanent an uns arbeiten müssten.

Dabei ist das Verrückte: Viele dieser Methoden sind nicht schlecht. Manche sind sogar großartig. Manche helfen Menschen tatsächlich weiter. Manche haben ihren festen Platz auch in meinem eigenen Leben. Darum geht es nicht.

Die Frage ist vielmehr, was passiert, wenn wir beginnen, Spiritualität mit derselben Logik zu betreiben, die uns bereits im Alltag erschöpft: mehr Wissen, mehr Entwicklung, mehr Heilung, mehr Bewusstsein, mehr Transformation. Als wäre die Seele ein Projekt, das niemals fertig werden darf.

Aus Leistungsdruck wird Heilungsdruck

Früher sollten wir produktiver werden, erfolgreicher, effizienter – das Wirtschaftswunder musste wachsen. Heute sollen wir zusätzlich bewusster werden, achtsamer, geheilter, spiritueller. Das Muster ist erstaunlich ähnlich. Nur das Spielfeld hat gewechselt.

Aus Leistungsdruck wurde Heilungsdruck. Aus Karrierezielen wurden Entwicklungsziele. Aus Selbstoptimierung wurde Selbstfindung. Und weil sich mit Unsicherheit hervorragend Geld verdienen lässt, ist rund um diese Suche ein gewaltiger Markt entstanden.

Denn seien wir ehrlich: Eine Branche lebt nicht davon, dass Menschen zufrieden sind. Sie lebt davon, dass Menschen glauben, noch etwas zu brauchen. Das gilt für Kosmetik, Fitness und Nahrungsergänzungsmittel – und zunehmend auch für spirituelle Angebote. Und wenn es keine entsprechenden Bedürfnisse gibt, dann werden sie geweckt, genährt und erschaffen.

Wer würde auf Instagram einem Kanal folgen, dessen Botschaft lautet: „Du bist gerade vollkommen in Ordnung. Geh eine Runde spazieren. Streichle deinen Hund. Iss ein paar Gummibärchen. Schau eine halbe Stunde aus dem Fenster. Und dann lebe dein Leben.

Das verkauft sich schlecht.

Viel besser funktioniert: Da ist noch etwas. Ein weiteres Thema. Ein blinder Fleck. Eine Blockade. Ein ungelöster Konflikt. Eine wichtige Konstellation. Ein besonderer Tag. Eine neue Methode. Eine Erkenntnis, die alles verändern könnte. Und noch eine. Und noch eine. Und noch eine. Und überhaupt: Denk daran, dass du auf den Mond achtest!

Spirituelles Burn-out

Manchmal habe ich das Gefühl, wir steuern damit auf eine Art spirituelles Burn-out zu. Nicht weil Spiritualität erschöpfend wäre. Sondern weil wir versuchen, immer mehr davon in ein Leben zu pressen, das ohnehin schon voll ist.

Besonders Frauen kenne ich viele, die neben Beruf, Familie, Partnerschaft, Care-Arbeit und den Herausforderungen des Alltags auch noch versuchen, ihre Ahnenlinien zu verstehen, ihr inneres Kind zu heilen, ihren Zyklus zu optimieren, astrologische Ereignisse zu berücksichtigen und regelmäßig an ihrer persönlichen Entwicklung zu arbeiten. Neulich habe ich sogar eine davon in meinem Spiegel gesehen. Sie hat mich fragend und leicht erschöpft angesehen. Aber dann hat das Handy geläutet und ich musste weiter.

Als hätten wir nicht ohnehin schon genug um die Ohren.

Schaue ich in meinen Garten, sehe und erinnere ich mich: In der Natur gibt es kein unbegrenztes Wachstum. Es gibt keinen Baum, der endlos wächst. Keine Blüte, die das ganze Jahr über blüht. Keinen Sommer, der ewig dauert. Alles folgt einem Rhythmus: Wachstum, Reife, Ernte, Rückzug, Ruhe. Und dann beginnt der nächste Zyklus.

Nur wir Menschen scheinen zu glauben, dass Entwicklung niemals pausieren darf. Dass immer noch etwas verbessert werden muss. Noch etwas verstanden. Noch etwas geheilt. Noch etwas erreicht.

Ein Beet kann auch zu voll werden

Vielleicht liegt darin eines der größten Missverständnisse unserer Zeit: Wir verwechseln Aktivität mit Entwicklung. Nur weil ständig etwas passiert, wächst noch lange nichts. Eine Erkenntnis braucht Zeit. Eine Erfahrung braucht Zeit. Ein innerer Prozess braucht Zeit.

Wer jede Woche neue Samen aussät, wird irgendwann feststellen, dass der Garten übervoll ist. Ich denke dabei auch an ein Beet: Wenn ich in einem einzigen Beet fünfzehn Gemüsesorten setze, acht Blumenmischungen dazu, dann noch zwanzig weitere Pflanzen, Extra-Dünger, zusätzliche Bewässerung, besondere Erde, harmonisierende Symbole, aufbauende Steine und allerlei andere gute Ideen, dann entsteht kein Paradies.

Das Beet platzt. Ein bisschen von allem wächst. Aber nichts wächst richtig. Und dann geht auch das ein, nachdem es lange genug vor sich hin gekümmert ist.

Vielleicht verhält es sich mit unserer Seele ähnlich. Nicht weil die einzelnen Dinge schlecht wären. Sondern weil wir vergessen haben, dass Wachstum Platz braucht.

Der Mut, nichts daraus zu machen

Vielleicht braucht es heute mehr Mut als früher. Nicht den Mut, etwas Neues zu beginnen, sondern den Mut, etwas nicht zu tun. Eine Methode interessant zu finden und trotzdem nicht zu buchen. Ein Buch auf die Wunschliste zu setzen und nicht sofort zu kaufen. Eine Einladung auszuschlagen. Einen Trend vorbeiziehen zu lassen.

Zu sagen: „Interessant.“ Und es dabei zu belassen.

Vielleicht liegt die größte Angst unserer Zeit gar nicht darin, etwas falsch zu machen. Vielleicht liegt sie darin, stehen zu bleiben. Nichts zu optimieren. Nichts zu heilen. Nichts zu entwickeln. Einfach nur zu leben.

Und darauf zu vertrauen, dass unsere Seele in dieser Zeit nicht verwildert. Dass sie nicht verkümmert. Dass sie nicht zurückfällt.
Dass unsere Seele nicht verwahrlost, wenn wir einen Sommer lang einfach nur leben.

Wenn wir spazieren gehen. Wenn wir mit Freundinnen lachen. Wenn wir den Hund hinter den Ohren kraulen. Wenn wir ein gutes Mittagessen genießen. Wenn wir gelangweilt auf einer Bank sitzen und den Wolken zuschauen.

Vielleicht findet sie genau dort etwas wieder, das wir zwischen all den Methoden, Kursen, Workshops und Konzepten verloren haben: sich selbst. Wir wollen alles perfekt haben und haben vergessen, dass das Leben nicht perfekt ist – es auch niemals war und niemals sein wird. Denn Perfektion nimmt den Raum für weitere Entwicklung. Und Entwicklung passiert zyklisch, mit allen Phasen, die uns die Natur so gut lehrt.

Vielleicht besteht die wichtigste spirituelle Praxis unserer Zeit nicht darin, noch etwas hinzuzufügen. Sondern darin, wieder Raum zu schaffen. Raum für das Leben. Raum für Erfahrungen. Raum für Integration. Und Raum für die leise Erkenntnis, dass wir kein unvollendetes Projekt sind.

Sondern Menschen.

Manchmal ist das mehr als genug.


Was ist mit „spirituellem Overachievement“ gemeint?

Der Begriff lehnt sich an das psychologische Konzept des Overachievements an: das übermäßige Streben nach Leistung und Erfolg. Spirituelles Overachievement beschreibt den Versuch, immer bewusster, geheilter, achtsamer oder spiritueller werden zu wollen – obwohl es auf diesem Weg weder eine Ziellinie noch eine Auszeichnung gibt.

Es ist ein Wettlauf, den niemand gewinnen kann. Die nächste Erkenntnis lockt wie eine Trophäe am Horizont – und bleibt doch immer außer Reichweite.

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