Die Farbe Violett und ihr Spagat zwischen Macht, Theologie, Esoterik, Feminismus und vielem mehr

Blogserie “Die Farben der Welt” – Teil 9

Neulich las ich auf Instagram eine Frage an neurodivergente Menschen:
“Welche Farbe hat für euch die Zahl 8 – und welche Farbe hat der Monat August?”

Das klingt für manche vielleicht erst einmal schräg. Andere hingegen – wie ich – sehen die Antwort sofort vor sich. Die Zahl 8 ist für mich grün. Ganz eindeutig. Der August hingegen hat ein zartes, blaustichiges Violett, das fast schon ins Zyklam übergeht.

Der Hintergrund solcher Wahrnehmungen kann Synästhesie sein: Dabei werden normalerweise getrennte Sinneswahrnehmungen miteinander verknüpft. Ein Ton kann beispielsweise eine Farbe auslösen, Zahlen oder Buchstaben können farbig erscheinen. Ich würde mich deshalb noch lange nicht als Synästhetin bezeichnen. Aber wenn mir jemand eine solche Frage stellt, liefert mein Gehirn erstaunlich schnell eine Antwort: Die 8 ist grün. Der August ist violett.

Warum ausgerechnet Violett? Die Farbe passt erstaunlich gut zu einem Monat, der noch mitten in der Fülle des Sommers steht und gleichzeitig bereits beginnt, etwas zu verändern. Denn Violett ist selbst eine Farbe des Dazwischen – und eine der vielschichtigsten und widersprüchlichsten Farben überhaupt.

Violett oder Lila – das ist hier die Frage

Violett ist eine Farbe, die gemischte Gefühle hervorruft. Sie wird von deutlich mehr Menschen abgelehnt als geliebt. Nur wenige nennen sie spontan als Lieblingsfarbe. Und dann gibt es natürlich noch jene Menschen, die sie nicht einmal ordentlich beim Namen nennen, sondern Lila mit Violett gleichsetzen. Mon dieu!

Denn Violett und Lila sind – zumindest farbtheoretisch betrachtet – nicht einfach dasselbe. Violett entsteht aus Rot und Blau. Wird Violett mit Weiß aufgehellt, kommen wir in den Bereich von Lila. Wobei wir aber auch gleich wieder etwas großzügiger werden dürfen: Historisch und sprachlich sind die Grenzen längst nicht so eindeutig. Was jemand unter Violett, Lila, Purpur oder dem englischen „purple“ versteht, kann sehr unterschiedlich aussehen.

Für diesen Beitrag nehmen wir daher beide mit an Bord und die Passionsblume, die oben den Beitrag schmückt, versinnbildlicht das auch sehr schön, denn sie trägt einfach beide Farben. Sehen wir es als kleine Geste der Versöhnung zwischen Violett und Lila. Sie haben ohnehin genug miteinander auszuhalten.

Purpur, Purple, Violett – sehen wir überhaupt dieselbe Farbe?

Besonders spannend wird die Sache beim Purpur. Wer im deutschsprachigen Raum von Purpur spricht, denkt meist an ein kräftiges, dunkles Rot oder Karminrot, das sich dem Violett annähert. Beim englischen „purple“ landet man dagegen wesentlich schneller bei einem satten Violett, wie wir es beispielsweise vom Amethyst kennen. Auch historisch war die Sache keineswegs eindeutig. Die Farbvorstellung von Purpur bewegte sich über die Jahrhunderte zwischen Rot und Blauviolett.

Das passt auch gut zu einer Farbe, die zwischen zwei Polen entsteht: Rot und Blau. Wärme und Kühle. Nähe und Ferne. Körperlichkeit und Geist. Schon ihre Entstehung trägt den Widerspruch in sich.

Von Schnecken, Gestank und der teuersten Farbe der Welt

Die Geschichte des Purpurs beginnt wenig glamourös mit Schnecken, im alten Phönizien.

Der berühmte antike Purpur wurde aus verschiedenen Arten von Purpurschnecken gewonnen, die im Mittelmeer leben. Die Tiere produzieren ein zunächst weitgehend farbloses Sekret, aus dem sich unter Einfluss von Licht der begehrte Farbstoff entwickelt. Die Gewinnung war aufwendig – und ziemlich unappetitlich. Die Schnecken wurden gesammelt, verarbeitet und teilweise stehen gelassen, damit sich das benötigte Sekret leichter gewinnen ließ. Anschließend wurde der Sud über Tage eingekocht.

Wer sich gerade einen großen Kessel gärender Meeresschnecken in der mediterranen Sonne vorstellt, bekommt eine ungefähre Ahnung davon, warum historische Purpurfärbereien nicht unbedingt für ihren angenehmen Duft berühmt waren. Vor allem aber brauchte man ungeheure Mengen an Schnecken für vergleichsweise wenig Farbstoff. Für besonders kostbare purpurgefärbte Gewänder gingen die Zahlen in die Hunderttausende oder sogar mehrere Millionen.

Purpur wurde damit zu einem Luxus, den sich nur sehr wenige leisten konnten. Genau hier liegt auch ein wichtiger Schlüssel zu seiner späteren Symbolik:

Purpur wurde zur Farbe der Macht, weil Macht nötig war, um sich Purpur überhaupt leisten zu können.

Kaiser, Könige und hohe Würdenträger trugen die Farbe nicht nur, weil sie schön oder symbolträchtig war. Die Farbe selbst bedeutete Reichtum und gesellschaftliche Stellung. Wer Purpur trug, zeigte ganz praktisch: Ich kann mir etwas leisten, das für nahezu alle anderen unerreichbar ist. So wurde aus einem Farbstoff ein Herrschaftszeichen.

Von der weltlichen zur göttlichen Macht

Kein Wunder also, dass auch die Kirche diese Symbolik übernahm. Violett und Purpur wurden zu Farben der Theologie und hoher kirchlicher Würdenträger, zugleich aber auch zu Farben der Buße und Besinnung. Bis heute begegnet uns Violett in der katholischen Liturgie besonders in Advent und Fastenzeit.

Damit verändert sich die Bedeutung erheblich: Die Farbe der äußerlich sichtbaren Macht wird gleichzeitig zur Farbe des Rückzugs. Aus Reichtum wird Verzicht, aus Herrschaft Besinnung, aus äußerer Pracht die Aufforderung, nach innen zu schauen. Wobei der weltliche Macht-Faktor auch im kirchlichen Sepktrum nicht verschwand, sondern zusätzlich mitträgt — die Bedeutung hat sich im Grunde genommen erweitert.

Ein ziemlicher Spagat. Aber Violett ist gerade erst warm geworden.

Von Herrschenden zu jenen, die Macht einfordern

Denn irgendwann wechselt Violett wieder die Seite bzw. kamen neue hinzu: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verwendeten die britischen Suffragetten Violett gemeinsam mit Weiß und Grün als Farben ihrer Bewegung. Violett stand dabei für Würde und Freiheit, Weiß für Ehrenhaftigkeit und Grün für Hoffnung. Die Frauen trugen diese Farben ganz bewusst sichtbar: an Kleidern, Hüten, Bändern und Schmuck. Politischer Protest musste schließlich nicht zwingend grau aussehen.

Um 1970 wurde Violett erneut zu einer wichtigen Farbe der Frauenbewegung. Damit vollzieht diese alte Herrschaftsfarbe eine bemerkenswerte Wendung: Jahrhundertelang zeigte Purpur, wer Macht hatte. Nun trugen Violett jene, die ihren Anteil daran einforderten.

Vom Purpurmantel des Kaisers bis zum violetten Band der Suffragette ist es ein weiter Weg. Im Kern geht es trotzdem immer wieder um dieselbe Frage: Wer hat Macht? Und wer darf sie sichtbar tragen?

Violett, Lila und die „reife Frau“

Womit wir bei einer weiteren seltsamen Karriere dieser Farbe wären. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurden Farben zunehmend geschlechtlich zugeordnet und da wanderte Violett stärker ins weibliche Spektrum. Vor allem das hellere Lila bekam dabei ein Image, das wenig mit Kaisern, kirchlichen Würdenträgern und Revolutionärinnen zu tun hatte.

Goethe beschrieb Lila als „etwas Lebhaftes ohne Fröhlichkeit“. Später galt es als Farbe unverheirateter älterer Frauen – jener Frauen also, die man früher wenig charmant als „alte Jungfern“ bezeichnete. Heute würde das kein Marketingunternehmen mehr auf eine Kosmetikpackung schreiben. Man bezeichnet die Zielgruppe lieber als „reife Frauen“. Die Farbe, die hier verwendet wird, ist allerdings dieselbe geblieben, denn bis heute begegnen uns Violett- und Lilatöne auffallend häufig dort, wo Produkte für ältere Frauen gestaltet werden. Als hätte Weiblichkeit irgendwann ein Ablaufdatum für Rot, Rosa und Orange – und bekäme anschließend Lila zugeteilt.

Dabei ist ausgerechnet Violett historisch eine Farbe weiblicher Emanzipation. Mir gefällt daher diese Lesart wesentlich besser: nicht die Farbe einer Frau, die zu alt für andere Farben geworden ist, sondern die Farbe einer Frau, die alt genug ist, sich ihre Farben nicht mehr zuteilen zu lassen. Und auch hier passt der Macht-Aspekt gut dazu: Wenn der weibliche Zyklus verstummt, verschieben sich auch die Machtverhältnisse — die Zeit der weisen Alten beginnt, die sich nichts mehr vorschreiben lässt, ihre eigene Herrin ist und Matronanz über ihr Reich übernimmt. Da passt Violett in jeder Form ganz wunderbar.

Und an dieser Stelle braucht es natürlich auch die Erinnerung an die Geschichte mit dem lila Hut:

Ein Mädchen schaut in ihren Spiegel.
Sie ist 5 Jahre alt: Sie schaut sich im Spiegel an und sieht eine Königin.
Sie ist 10: Sie schaut sich im Spiegel an und sieht Aschenbrödel oder Dornröschen.
Sie ist 15: Sie schaut sich an und sieht Aschenbrödel, Dornröschen, eine Schauspielerin oder, wenn es einer ihrer schlechten Tage ist, sieht sie sich dick, hässlich, voller Pickel und sagt: “Mama, so kann ich unmöglich zur Schule gehen!”
Sie ist 20 und eine Frau: Sie schaut sich im Spiegel an und sieht sich zu dick/zu dünn, zu klein/zu groß, die Haare sind zu kraus oder zu glatt. Aber sie beschließt, trotzdem los zu gehen.

Sie ist 30: Sie schaut sich im Spiegel an und sieht sich zu dick/zu dünn, zu klein/zu groß, die Haare sind zu kraus oder zu glatt. Aber sie findet, sie habe jetzt keine Zeit, sich darum zu kümmern, und sie geht trotzdem aus.
Sie ist 40: Sie schaut sich im Spiegel an und sieht sich zu dick/zu dünn, zu klein/zu groß, die Haare sind zu kraus oder zu glatt. Aber sie sagt sich, sie sei zumindest “sauber”, und sie geht trotzdem aus.
Sie ist 50: Sie schaut in den Spiegel und sagt: “Ich bin ich!”
Sie lächelt und geht da hin, wo sie hingehen will.
Sie ist 60: Sie schaut sich im Spiegel an und denkt daran, dass manche sich gar nicht mehr im Spiegel betrachten können.
Sie geht hinaus in die Welt und erobert sie.
Mit 70: Sie schaut sich an und sieht Weisheit, Lachen und Fähigkeit zur Achtsamkeit.
Sie geht aus und genießt ihr Leben.
Mit 80: Sie kümmert sie sich nicht mehr darum, in den Spiegel zu schauen.
Sie setzt sich ganz einfach ihren lila Hut auf und geht aus, um sich mit der Welt zu vergnügen

Vielleicht sollten wir unseren kleinen lila Hut schon viel, viel früher aufsetzen …

Quelle: unbekannt – aber innigen Dank an die Person, der wir diese schönen Worte verdanken!

Veilchen, Violence und eine verführerische falsche Spur

Aber Violett hat auch eine brutale Seite. Im Deutschen kennen wir das „Veilchen“ nicht nur als zarte Blume, sondern auch als umgangssprachliche Bezeichnung für ein blau geschlagenes Auge. Im Englischen liegen violet, violence und violation sprachlich so auffällig nahe beieinander, dass eine gemeinsame Herkunft fast zwingend erscheint.

Sie haben aber keine.

„Violet“ geht über das Französische auf das lateinische viola, das Veilchen, zurück. „Violence“ stammt dagegen von lateinisch violentia und violentus und gehört in den Bedeutungsraum von Kraft, Heftigkeit und Gewalt. Die Ähnlichkeit ist also eine sprachliche Verführung, keine gemeinsame Wurzel.

Trotzdem bleibt die Assoziation bestehen. Violett trägt auch kulturell die Farbe des Blutergusses in sich – Rot und Blau treffen hier auf eine wenig erfreuliche Art tatsächlich zusammen.

Noch etwas passt in diese seltsame Wort- und Farbwelt, diesmal ganz ohne Gewalt: Das chemische Element Jod verdankt seinen Namen der Farbe seines Dampfes. Seine Bezeichnung geht auf das griechische Wort für „violettfarben“ zurück, in dem wiederum das Veilchen steckt. Wird Jod erhitzt, entsteht jener charakteristisch violette Dampf, der ihm seinen Namen gab.

Von der Blume zum blauen Auge und weiter ins Chemielabor: Auch sprachlich bleibt Violett schwer auf einer einzigen Spur.

Emanzipation, Homosexualität – und ein violettes Herz

Violett taucht auffallend oft dort auf, wo gesellschaftliche Kategorien infrage gestellt werden. Es war lange eine Erkennungsfarbe homosexueller Menschen und wurde später zu einer Farbe homosexueller Emanzipation. Ende der 1960er-Jahre wurde etwa die „Purple Hand“ zu einem Symbol der amerikanischen Schwulenbewegung. Später übernahm der Regenbogen diese Rolle und wurde zum international wesentlich bekannteren Zeichen.

Violett begegnet uns hier erneut im Spannungsfeld von männlich und weiblich, Anpassung und Emanzipation, Zugehörigkeit und Außenseitertum. Doch als wäre dieses Bedeutungsspektrum noch nicht breit genug, gibt es auf der anderen Seite eine ausgesprochen militärische Verbindung zum Purpur: das Purple Heart.

Das „Violette Herz“ gehört zu den bekanntesten militärischen Auszeichnungen der USA. Es wird Angehörigen der amerikanischen Streitkräfte verliehen, die durch Feindeinwirkung verwundet oder getötet wurden. Damit landet dieselbe Farbe, die auch mit Homosexualität, Frauenbewegung und gesellschaftlicher Emanzipation verbunden wurde, auch bei Soldaten, Verwundung und Tod.

Viel weiter lässt sich ein Bedeutungsbogen kaum spannen.

Violett scheint sich hartnäckig zu weigern, nur eines zu sein: männlich oder weiblich, herrschaftlich oder rebellisch, geistig oder körperlich, angepasst oder extravagant. Genau diese Widersprüchlichkeit könnte auch ein Grund dafür sein, warum die Farbe so stark polarisiert.

Magie, Esoterik und das Wissen im Inneren

Gegen Ende kommen nun wir zu jener Bedeutung, mit der Violett heute besonders häufig verbunden wird: Magie, Spiritualität und Esoterik.

Gemeint ist damit nicht, alles violett zu beleuchten, ein paar Amethyste zu verteilen und darauf zu warten, dass sich das Universum meldet. Der Begriff Esoterik hatte ursprünglich eine wesentlich nüchternere Bedeutung. Er bezeichnete Wissen und Lehren, die sich an einen inneren Kreis richteten – im Gegensatz zum exoterischen, nach außen gerichteten Wissen.

Es geht zunächst also um ein Innen und Außen. Genau dort schließt sich der Kreis zu Violett. Die Farbe verbindet Rot und Blau, Körper und Geist, Nähe und Ferne, sichtbare Macht und innere Kraft.

Ihre Verbindung mit Transformation und innerem Wissen lässt sich daher auch jenseits aller modernen Esoterik-Klischees lesen: nicht als Aufforderung, die äußere Welt auszublenden, sondern wahrzunehmen, was sich im Inneren verändert, lange bevor es außen sichtbar wird. Naturgemäß geht mit diesem Wissen aber auch ein gewisser Machtaspekt einher.

Warum mein August violett ist

Damit bin ich wieder bei der Frage vom Anfang: Welche Farbe hat der August?
Für mich bleibt er violett.

Der August reift uns – er brennt weg, was nicht mehr trägt. Er ist nicht der ungestüme Beginn des Sommers, sondern der prüfende Vollender. Vieles, was im Frühjahr begonnen hat, ist gewachsen, hat Gestalt angenommen und wurde oder wird nun reif. Die Ernte hat begonnen – und mit ihr die Frage, was davon bleiben darf, was verarbeitet werden will und was seinen Zyklus erfüllt hat.

Noch ist es hell, noch ist es warm, noch sehen wir die Fülle. Der Rückzug beginnt jedoch längst im Inneren, lange bevor er sich im Außen zeigt. Die Tage werden kürzer, das Licht verändert sich. Langsam führt der Weg in die dunklere Hälfte des Jahres, in der Wandlung und Rückzug wieder mehr Raum bekommen.

Violett passt für mich genau an diese Schwelle. Nicht als Farbe einer nebulösen Spiritualität, sondern als Erinnerung an eine andere Form von Macht: die eigene innere Macht wahrzunehmen. Zu erkennen, was in uns reif geworden ist. Veränderungen nicht erst dann zu bemerken, wenn sie unübersehbar geworden sind. Den eigenen Wandel bewusst mitzugestalten.

Violett war die Farbe von Kaisern und Bischöfen, von Suffragetten und gesellschaftlichen Außenseitern. Es steht für Macht und Buße, Extravaganz und Rückzug, Sexualität und Spiritualität. Es kann laut sein und still, rotstichig und blaustichig, herrschaftlich und rebellisch.

Man muss sich bei Violett nicht für eine Bedeutung entscheiden. Seine eigentliche Kraft liegt gerade darin, die unzähligen Widersprüche auszuhalten.

Denn Wandel beginnt selten dort, wo alles eindeutig ist. Er beginnt im Dazwischen.

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