Ende April 2026 ging eine auf den ersten Blick unscheinbare Meldung durchs Netz.
In einem Interview zur aktuellen Strafstatistik sprach die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali mit dem Kriminalbeamten Dirk Peglow über Gewalt an Frauen. Gegen Ende stellte sie eine einfache Frage: „Was raten Sie Frauen?“
Seine Antwort war ebenso klar wie unbequem: „Wenn man nach der statistischen Anzahl geht, besser keine Beziehung mit einem Mann eingehen. Da ist das Risiko erheblich höher, Opfer von psychischer oder physischer Gewalt zu werden.“
Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten.
Hasskommentare, Drohungen, Abwertung – in großer Zahl, und zu einem erheblichen Teil von Männern. In einer Weise, die die Aussage des Kriminalbeamten auf beinahe bittere Art bestätigte.
Wäre das Thema nicht so ernst, könnte man es fast zynisch nennen.
Szenenwechsel.
Mit Anfang Mai beginnt im Jahreskreis die Zeit, in der sich alles nach außen richtet. Wachstum, Blüte, Verbindung. Und auch ganz profan: die Hochzeitssaison.
Trotz sinkender Zahlen gilt die Ehe noch immer als Höhepunkt einer Beziehung. Als Ziel. Als etwas, auf das man hinarbeitet.
Noch ein Szenenwechsel.
Grimms Märchen begleiten viele von uns seit der Kindheit.
Heute kennen wir ihre Hintergründe besser, vieles wurde entzaubert, historisch eingeordnet.
Und doch hat sich ein Motiv bis heute gehalten:
Das Happy End.
Die Hochzeit.
Der Moment, an dem „alles gut“ ist.
Was danach kommt, bleibt offen.
Ich kenne kein klassisches Märchen, das sich dafür interessiert, wie diese Beziehung einige Jahre später aussieht.
Drei Szenen. Ein Thema: Beziehungen, konkret – die Ehe.
Welche Haltung du dazu einnimmst, bleibt dir überlassen.
In diesem Beitrag geht es nicht darum zu bewerten.
Aber es lohnt sich, einen Schritt zurückzutreten und genauer hinzusehen.
Denn hinter romantischen Bildern, gesellschaftlichen Erwartungen und sehr realen Konflikten liegt eine Geschichte, die selten so erzählt wird:
Die Ehe ist kein naturgegebenes Modell.
Und auch kein zeitloses göttliches Prinzip.
Sie ist ein Konstrukt – entstanden aus sehr weltlichen, wirtschaftlichen und machtpolitischen Gründen.
Machen wir also einen kleinen Streifzug durch diese Geschichte.
Inhaltsübersicht
Verbindung gab es immer – die Ehe nicht
Menschen haben sich zu allen Zeiten verbunden.
In Gemeinschaften gelebt, Beziehungen geführt, Verantwortung geteilt.
Was sich im Lauf der Jahrtausende verändert hat, ist die Form, in der diese Verbindungen organisiert wurden.
In sehr frühen Gesellschaften – lange bevor sich patriarchale Systeme durchgesetzt haben – existierten unterschiedliche Modelle nebeneinander und waren verbreitet, ohne dass eines davon automatisch dominierte.
Was in dieser Form noch nicht zentral war:
- die Kontrolle über weibliche Sexualität
- die Sicherung von Abstammung über männliche Linien
- die rechtliche Verankerung von Besitz über Menschen
Das entwickelte sich erst viel später – und es veränderte alles.
Die Ehe als Instrument von Ordnung und Kontrolle
Mit der Ausbreitung patriarchaler Ordnungen wurde die Ehe zu einem wirtschaftlichen und auch politschen Instrument. Sie wurde zu einem Werkzeug, nicht primär für Verbindung – sondern für Ordnung, um:
- Besitzverhältnisse zu regelen
- Erbfolgen zu sichern
- soziale Strukturen und Abhängigkeiten zu stabilisieren
Und sie regelte vor allem eines: den Zugriff auf Frauen.
Die oft romantisierte „Übergabe“ der Braut ist kein harmloses Ritual, sondern die rituelle Übergabe einer Frau aus der Herrschaft des Vaters in die sog. “Schutzgewalt” des Ehemannes. Sie verweist somit auf eine Realität, in der Frauen nicht als eigenständige Rechtssubjekte galten. Die Frau wechselte den Verantwortungsbereich – vom Vater zum Ehemann. Mit allen Konsequenzen.
Auch die Bewertung von (vor allem weiblicher) Sexualität wurde angepasst.
Kirchliche Denker wie Augustinus prägten ein Bild, in dem Lust als problematisch galt – besonders die Lust von Frauen. Sexualität wurde strikt auf Fortpflanzung reduziert und moralisch streng reguliert.
Die Ehe war damit nicht nur ein sozialer Rahmen.
Sie wurde zu einem Disziplinierungsinstrument.
Die Kirche – vom Zölibat zur Kontrolle
Heute erscheint die Ehe im christlichen Kontext als etwas Unerschütterliches. Als Sakrament, das immer schon da war. Historisch ist das so nicht haltbar. Im Gegenteil: Das Verhältnis der Kirche zur Ehe war lange Zeit ablehnend bis widersprüchlich.
Frühe christliche Strömungen sahen in Enthaltsamkeit und Ehelosigkeit den höheren Weg – und zwar für alle Gläubigen, nicht nur für Priester und sakral Wirkende. Die Ehe war kein Ideal, sondern ein leidlich geduldetes Zugeständnis. Erst im Laufe der Zeit – und auch unter dem Druck gesellschaftlicher Realitäten – begann die Kirche, die Ehe stärker zu integrieren, zu regeln und schließlich zu sakralisieren.
Damit übernahm sie nicht nur eine religiöse Deutungshoheit, sondern auch eine gesellschaftliche Kontrollfunktion.
Die Kirche hat die Ehe nicht erfunden – aber sie hat sie nachhaltig und maßgeblich geprägt.
Was heute als „heilig“ gilt, ist das Ergebnis eines langen Prozesses, kein Ausgangspunkt.
Die „Hausfrau“ – ein modernes Konstrukt
Auch das Bild der klassischen Ehefrau, die zuhause Haus und Heim hütet, wirkt alt und selbstverständlich. Ist es aber nicht.
Wir wissen heute, dass in altsteinzeitlichen Gesellschaften alle Geschlechter gleichermaßen für die Versorgung, das Jagen und Sammeln, zuständig waren. Zahlreiche Gräberfunde, auch aus deutlich jüngerer Zeit, müssen heute umgeschrieben werden. Denn wo man auf Grund von Waffen und Kostbarkeiten ohne längeres Nachdenken das Skelett als männlich benannte, zeigt sich durch moderne Untersuchungen, dass es im gleichem Maße Frauen und Männer waren, die solcherart beerdigt wurden.
Auch im vielzitierten “dunklen” Mittelalter waren Frauen in vielen Bereichen aktiv: im Handwerk, im Handel, in der Landwirtschaft.
Erst im 18. und 19. Jahrhundert entstand das Ideal der „Hausfrau“ als Statussymbol. Mit der Zeit wurde daraus ein Modell der Abhängigkeit: unbezahlte Arbeit im privaten Raum, gesellschaftlich erwartet und rechtlich gestützt – garniert mit dem Killer-Argument, dass die Frau dies ja von Natur aus und aus “Liebe” macht. Wer kann da noch nein sagen …
Ein Bild, das bis heute nachwirkt.
Ein Blick in die Gegenwart
Viele dieser gar nicht so alten Muster sind noch immer sichtbar – manchmal subtil, manchmal sehr deutlich.
Statistiken zu Gewalt zeigen, dass Übergriffe häufig im sozialen Nahraum stattfinden. In Beziehungen, die nach außen als vertraut und sicher gelten. Das ist keine neue Erkenntnis. Aber sie wird heute (endlich) klarer ausgesprochen und eingeordnet.
Gerade jüngere Frauen beginnen, diese Zusammenhänge nicht mehr auszublenden. Sie benennen, hinterfragen, vergleichen – und holen damit Perspektiven zurück, die lange wenig Raum hatten. Das verändert den Blick, oft auch im Nachhinein.
Ein paar Gedanken zum Abschluss
Es geht hier nicht darum, Beziehungen oder die Ehe an sich in Frage zu stellen.
Sondern darum zu verstehen, woher unsere Vorstellungen kommen. Welche Bilder tragen wir in uns und welche wollen wir weitergeben? Welche Bilder passen heute zu uns und unseren Beziehungen … und was davon sind tatsächlich unsere eigenen Bilder?
Ein Blick zurück in die Geschichte ist eine Möglichkeit zu erkennen, was war und zu realisieren, dass sich soziale Strukturen immer schon verändert haben – sie sind und waren nie in Stein gemeißelt.
In Bezug auf die Ehe kann man historisch klar sagen: Sie ist kein Naturgesetz.
Und auch kein unveränderliches “göttliches” Prinzip, das einer strikten Normierung bedarf.
Sie ist ein Modell. Und wie jedes Modell ist sie veränderbar.
Ich gebe hier keinen Rat, wie sich dieses Konzept entwickeln soll.
Aber ich glaube, dass wir gerade an einem Punkt stehen, an dem sich etwas verschiebt.
Vielleicht hin zu einem System, das lebendiger, bewusster und achtsamer ist als das, was wir übernommen haben. Eines, das zeigt, dass wir als Gesellschaft in der Lage sind, unsere eigenen Strukturen zu hinterfragen – und daraus zu lernen und zu verändern.
Die Geschichte hinter unseren Konstrukten zu kennen, schafft Klarheit.
Was du daraus machst, ist deine Entscheidung.
Quellen und weitere Infos
Interview Dirk Peglow – Dunja Hayali (Instagram)
Wenn Fakten Männer zur Weißglut bringen (der Standard)
Das geheime Wissen der Frauen – Barbara G. Walker, Arun Verlag *
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