Bunte Wolle aus dem Garten

Nimm Birke mit, denn können wir was Gelbes machen!„, so die Anweisung vorab. Und weil ich meiner Birke ohnehin die Stirnfransen schneiden wollte, landeten ein paar ihrer Zweige in meiner Tasche, ehe ich nach Buchbach aufbrach, um dort zu lernen, wie man Wolle mit Pflanzen färbt.

Mit Pflanzenfarben färben?

Einfacher als gedacht und 100% Natur pur! Weil bunt einfach schöner ist, je natürlicher es ist.

Ingrid Kleindienst-John ist mehrfache Sachbuchautorin und hat ein riesiges Wissen rund um Pflanzen, deren Wirkstoffe, Anwendungsmöglichkeiten und was man sonst noch alles mit ihnen machen kann. Eines ihrer Bücher handelt davon, wie man Wolle mit Pflanzen färben kann – und wie einfach das geht.
Laut ihrer Info sind dazu keine besonderen Zutaten nötig: Die Gerätschaften findet man in der Küche, ein paar Ingredienzien (Weinstein, Alaun …) sind schnell besorgt und die Farbgeber wachsen im Garten, an Straßenrändern, im Wald … eben in der Natur. 
Dann braucht man noch textiles Material, zum Beispiel naturfarbene Wolle auf Strangen (kann man sich im Internet bestellen) und – los gehts! 

Ich hab das Buch, ich hab die Pflanzen, das Zubehör wäre auch da und die Wolle an sich auch kein Problem – aber: Lesen ist das eine, es gezeigt bekommen was ganz anderes.
Ingrid bietet auch Kurse zu den Themen ihrer Büchern an und als sich unsere Zeitfenster mal zeitgleich geöffnet hatte, sah ich das als Zeichen. Nun hat meine Birke ein paar Äste weniger, ich bin dafür um ein paar wunderschön gelb gefärbte Wollstrangen reicher. 

Die Pflanzenwolle kannte ich schon länger, denn ein paar von Ingrids Probestrangen wanderten vor einiger Zeit zu mir und stillten meine neu erwachte Lust am textilen Werkeln. Das Buch habe ich auch schon vor einiger Zeit rezensiert – hier zu finden. Die Qualität der natürlich gefärbten Wolle und Woll-Seide-Mischung ist erstklassig, aber das wirklich besondere daran sind die unfassbar schönen Farben (denen das Foto nicht gerecht wird). Da sie nicht komplett uni sind, sondern leichte Changierungen aufweisen, wirken sie lebendiger als konventionell gefärbte Wolle und haben zusätzliche eine magisch-sinnliche Ausstrahlung, die man spüren – im wahrsten Sinn: begreifen – muss, damit man versteht, was ich meine.

An einem nicht zu heißen Juli-Samstag war es dann soweit und ich begab mich ins schöne Buchbach, wo mir Ingrid die gar nicht geheimen Geheimnisse und Besonderheiten des Färbens mit Pflanzen zeigen wollte (und mir nebenbei das Rezept ihre Buchbacher Buchweizen Kuchens verriet – aber das ist eine andere Geschichte ;).

Rot, Orange, Gelb und Grün? Krapp, Birke und Bluthasel!

Der Ablauf ist einfach und das Ergebnis immer eine Überraschung. Zwar weiß die erfahrene Pflanzenfärberin (=Ingrid :) in welche Richtung eine Pflanze färbt und welche Pflanzen überhaupt zum Färben geeignet sind. Aber ob das Grün der Bluthasel heute blausstichig, blass oder intensiv, mehr ins Maigrün oder Oliv geht, kann man vorher nie sagen. Je nach Jahreszeit wird es anders und auch jede Saison bringt andere Farben hervor. Dann ist noch das Wasser entscheidend: Kalkhältiges Wasser färbt anders als weiches. Und natürlich wirkt sich auch die Vorbereitung der Wolle auf das Ergebnis aus, nämlich ob und womit sie gebeizt wird. 

Das Wort „Beize“ weckte bei mir Erinnerungen an die Textil-HTL, wo ich vor gefühlt 100 Jahren auch grundlegende theoretische und praktische Infos in Textilchemie gelernt habe. Das olfaktorische Gedächtnis warf mir beim Beiz-Begriff jedenfalls sehr unangenehme Erinnerung aus. 
Das ist im Naturfärbemodus komplett anders: Man beizt mit Alaun, fallweise ergänzt durch Weinstein. Der einzige Geruch der dabei vorhanden ist, ist der von naturbelassener Wolle (ohne dem strengen Schafaroma natürlich ;).

Die naturfarbenen Strangen werden einige Zeit in dieser Beize eingelegt und simmern auf einer Herdplatte vor sich hin. Die Dauer ist abhängig von dem, was danach passieren soll. 
Beim Planen des Färbetages habe ich den Wunsch nach einem kräftigen Rot geäussert. Das kann man gut mit Krappwurzel realisieren. Aber: Rot ist eine der Farben, die viel Arbeit machen. Die Krappwurzel muss vorab (gepflanzt, geerntet, gereinigt, gewaschen – oder fertig gekauft und dann) klein geschnitten werden. Dann köchelt man das längere Zeit in einem Sud, am besten schon am Vortag. Alternativ kann man auch Krapppulver nehmen. Das erspart bei Direktfärbung die Wurzelrückstände in den Strangen. Dafür muss man intensiver und ausdauernder ausspülen. 

Für ein kräftiges Färbeergebnis wird das Garn über Nacht gebeizt. Für „normale“ Farben reichen auch 1-2 Stunden. Das fertig gebeizte Garn wird kurz gespült (und das Wasser kann man getrost zum Blumengießen verwenden!), dann legt man es vorsichtig in das heiße Färbebad. Da bleibt es dann 1-2 Stunden, je nachdem wie intensiv man das Ergebnis haben will. Zwischendurch wird sanft umgerührt. Die Wartezeit kann man entweder für einen philosophischen Plausch oder weitere Färbevorbereitungen nutzen. Wir haben das natürlich kombiniert ;-)

Meine Birkenzweige wurden abzupft, die Blätter dann im nächsten Färbetopf gekocht. Damit sich die Farbe aus dem Material löst, braucht es einige Zeit. Bei gleichbleibender Hitze wird eine Art intensiver Tee zubereitet. Nach 1/2-1 Stunde ist es dann soweit fertig. Man fischt die Blätter raus (oder seiht ab), die ausgekochten Blätter landen am Kompost und die nächsten Wollstrangen wandern in das heisse Farbbad – Same procedure as last time. 

Mittlerweile hatte sich ein intensives Rotbraun im Krapp-Bad gebildet. Die Strangen wurden rausgefischt (das kleckert mitunter, darum ist es gut, wenn man das im Freien macht und entsprechende Arbeitskleidung anhat) und mit normalem Leitungswasser mehrfach gespült. Beim Krapp muss man diesen Vorgang deutlich öfter machen, als bei den anderen Pflanzenfarben. Das Krapppulver, mit dem wir da gearbeitet haben, hängt hartnäckig in den Wollstrangen. Aber auch hier: Das Schwemmwasser wandert einfach auf den Kompost und ist 100% Natur pur! Auch das Farbbad kann man im abgekühlten Zustand getrost seinen Pflanzen zugute kommen lassen. Es ist ja im Endeffekt nichts anderes als ein starker Pflanzenauszug.

Während der erste Krappzug von uns weiterbehandelt wurde (=waschen, waschen, waschen …), landete eine neue Partie Strangen im Krappsud – der zweite Zug, der meist ein weniger dunkles Ergebnis bringt. In unserem Fall kam da nach 1,5 Stunden ein herrlich intensives Lachsorange heraus – eine meiner Lieblingsfarben! Ich war im Farbenhimmel :-)

Die Birke belohnte uns mit einem zauberhaften und sehr satten Vanillegelb und von der Bluthasel, deren Blätter nicht nur abgezupft, sondern auch zerkleinert werden mussten, wurden wir mit einem strahlenden Limettengrün belohnt. 

Am Ende des Tages hing eine kunterbunte, leuchtende Farbauswahl zum Trocknen auf dem Wäscheständer. 

Was ich gelernt habe

  • Man muss wissen, welche Pflanze geeignet ist, sonst ist der Frust vorprogrammiert. Rote Rüben machen vielleicht tolle Flecken auf hellen Shirts, aber die Farbe ist für eine dauerhafte Färbung ungeeignet. Deto Karotten oder Paprikapulver: Die sind zwar selbst hübsch bunt, aber für textile Färbungen ungeeignet.
    Dafür sind andere Pflanzen, denen man das überhaupt nicht zutraut, tolle Farbspender: 

    • Grün kommt meist von rotlaubigen Pflanzen wie der erwähnten Bluthasel
    • Mohnblüten schenken ein feenhaftes Flieder (sooo schön!)
    • Rosenblüten (auch wenn es rote Rosen sind) und Brennnesseln wiederum ein zartes Gelb 
    • Das „steilste“ Gelb bekommt man mit Kurkuma
  • Rot ist arbeitsintensiver und war auch aus diesem Grund auch eine sehr kostbare Farbe
  • Blau geht auf natürlichem Weg kaum: Blauholz färbt zwar wunderschön blaulila, aber die Farbe hat keine gute Haltbarkeit, blutet lange aus und verblasst. Insofern ist also Blau die „kostbarste“ Farbe, bei natürlich gefärbten Textilien.
  • Generell: Je kräftiger die Farbe sein soll, desto mehr Aufwand und mit diesem Wissen  bekommt man einen guten Eindruck in die Farbenwelt unserer Vorfahren.
  • Wolle färben ist super im Sommer! Nicht nur, weil nun wunderbare Farbgeber wachsen und blühen, auch das „Pritscheln“ ist einfacher, weil man es direkt im Garten machen kann.
  • Wolle mit Pflanzen färben ist in dieser Form absolut voll-ökologisch und wirklich nachhaltig. Vom Farbsud bis zum Schwemmwasser kann man alles zum Blumengießen nehmen, die ausgefärbten Pflanzenrückständen werden am Kompost und werden zu Dünger.
  • Trotz bio: Wenn man es richtig macht, dann sind die Farben dauerhaft stabil und bleiben auf natürliche Weise brilliant – absolut vergleichbar mit konventionell gefärbten Textilfärbungen
  • Nix stinkt ;-) Auch die nasse Wolle nicht, die hat einfach ihren urigen, typischen Wollgeruch, über den sich ein sanfter Pfanzenfarbenduft legt. 
  • Man hat dazwischen ausgiebig Zeit zum Schwatzen, Kuchen essen, Philosophieren und bereits gefärbte Wolle verarbeiten. 
  • … und ich will unbedingt wissen, welche Farben der Löwenzahn und andere meiner Gartenfreunde hier geben können!

Fazit:

Wolle mit Pflanzen zu färben macht irr viel Spaß und große Freude – besonders die Überraschung, welche Farbe sich da nun zeigen wird, hat mich begeistert. Der Ablauf ist wirklich simple, man kann es aus Büchern lernen (speziell natürlich aus Ingrids Buch ;), es sich zeigen zu lassen sorgt dann für die nötige Sicherheit und liefert zusätzliche Erkenntnisse. 

Ich sehe meinen Garten nun mit einem neuen Blick und überlege mir, welche Farben sich aus diesem und jenem wohl ergeben können – mit anderen Worten: Ich werde sicher weiter färben!
Sich vorzustellen, wie man im birken-vanillegelben Strickpulli unter dem Baum sitzt, dem man diese schöne Farbe zu verdanken hat … wow! Darauf muss ich allerdings noch warten, weil: Gefärbt ist immer noch schneller als gestrickt ;-) 

Weitere Infos rund um das Färben mit Pflanzen …

1 Kommentare

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