Das Leben, wie wir es kennen, hat Höhen und Tiefen und dazwischen ganz viele Abzweigungen in Gegenden, die man nicht am Schirm hat. Manchmal gibt es auch Ziele, manchmal Ideen, wo man gerne hinwollen würde … oder auch hin sollte. Weil es sich so gehört, weil man es bei anderen gesehen und als Inspiration fürs eigene Dasein hingenommen hat. Manchmal auch, weil „die Gesellschaft“ es von einem erwartet. Wer oder was auch immer „die Gesellschaft“ ist, die der Meinung ist, über das eigene Leben Direktiven verhängen zu können.
Ziele sind eine Orientierung für einen selbst.
Das Leben hingegen hat meist einen anderen Plan, der sich manchmal mit dem deckt, was man sich vorgestellt hat. Meistens aber nicht.
Wir wissen, dass wir nicht ewig leben. Wir wissen auch, dass andere das nicht tun werden. Wir wissen damit irgendwo, ganz tief in unserem Inneren, dass wir irgendwann erleben werden, wie andere aus unserem Leben scheiden werden.
Das wissen wir, weil es der Kreis des Lebens ist.
Aber wir wollen dieses Wissen so lange wie möglich ignorieren.
Bis es sich dann eines Tages Raum nimmt und Realität wird.
Manche machen diese Erfahrung früh, andere später, aber kaum jemand kommt an ihr vorbei. Und wenn, dann meist deshalb, weil das eigene Leben einen kleineren Kreis hat als erwartet.
Irgendwann bleibt ein Platz leer — und das tut weh.
Unglaublich weh.
Auf unglaublich vielen Ebenen, in unendlicher Vielfalt.
Anfangs schmerzt es laut brüllend, ist kaum zu ertragen.
Man meint, dass der Tag zu wenig Luft zum Atmen bietet. Man zählt die Stunden, seit der Platz das letzte Mal gefüllt war. Man zählt vielleicht auch die Atemzüge.
Man überlebt den ersten Tag, taub vor Schmerz, mühsam atmend, die Stunden zählend.
Man überlebt den zweiten Tag, weil man den ersten überlebt hat und weiß, dass man das schon einmal geschafft hat. Und das geht so weiter, bis man eine Woche überlebt hat und nun weiß, wie man es schaffen kann und die nächste überleben könnte.
Irgendwann sind die Formalitäten getan. Die notwendigen Rituale wurden vollzogen. Der offizielle Teil ist erledigt. Die anderen gehen nach Hause, leben ihren eigenen Lebenskreis entsprechend. Manche sind betroffen. Manche im Inneren schlechten Gewissens froh, dass sie diesen Schmerz „nur“ passiv erleben mussten und nun hoffend, dass ihnen das aktive Erleben noch lange erspart bleibt.
Irgendwann wird es ruhig, der brüllende Schmerz weicht einer endlosen Stille, obwohl der Platz nach wie vor leer ist und es auch bleibt.
Und in dieser Stille geht mitunter ein Raum auf.
Ein endloser, immens unfassbar riesiger Raum: die Leere.

Nicht immer zeigt sie sich sofort. Sehr oft wird der „Eingang“ von Ablenkung, von großen und vielen kleinen ungemein wichtigen Dingen verstellt. Dinge, die man jetzt tun muss – weil der Platz leer geworden ist. Dinge, die wichtig sind, damit andere Plätze noch länger nicht leer werden. Dinge, die sich nicht aufschieben oder delegieren lassen.
Man tut, man handelt, man übernimmt Verantwortung und Rollen, die von einem erwartet werden, für all das, was sonst liegen bleiben würde.
Man will das alles vielleicht nicht. Aber es bleibt mitunter nichts anderes übrig, als das zu tun, was getan werden muss – weil ein Platz so unfassbar leer geworden ist.
Die Leere, dieser riesige, unfassbare Raum, wartet geduldig im Hintergrund.
Stoisch, unbeeindruckt, beständig.
Manchmal wartet sie jahrelang.
Weil immer wieder noch etwas dazukommt, was den Eingang verstellt. Weil man denkt, dass man das mit der Trauer auch so hinbekommen und erledigt hat, nebenbei, während man all das tut, was unabdingbar getan, übernommen und verantwortet werden musste.
Weil man brav die Rollen abarbeitet, die einem gegeben wurden.
Manchmal ergibt es sich, dass in der Folge weitere Plätze leer werden. Manche plötzlich, andere langsam, schwindend, erwartbar und dann, wenn es passiert, dennoch wieder vollkommen unerwartet. Und der Kreis des Schmerzes beginnt von vorne.
Die Leere wartet.
Darauf, dass der Eingang frei wird und wahrgenommen wird.
Und dann wird wieder ein Platz leer.
Der Schmerz brüllt, die Trauer tritt mit all ihren Freunden an, um den Raum vollkommen auszufüllen, die Seele weint, bis die Augen schmerzen und der Hals wund ist.
Aber diesmal gibt es nichts, was den Eingang verstellt.
Nichts, was nun unbedingt übernommen, getan, verantwortet, erledigt oder beauftragt werden muss. Niemanden, der dringend versorgt werden muss. Die Stunden, die früher mit Aufgaben und Verantwortung gefüllt waren, sind plötzlich leer.
Es gibt nichts zu tun.
Außer sich selbst wahrzunehmen. Mit all dem, was über die Jahre aufgeschoben wurde.
Und der Eingang zur Leere ist weit offen und der Weg hinein ist die einzige Option zu sein, die der Lebensweg nun anbietet.
Entweder stehenbleiben und den Schmerz über den leeren Platz ins Unendliche ansteigen zu lassen, bis die inneren Ohren erneut so taub davon sind, dass man sich nicht mehr selbst denken spürt. Oder hineingehen, in diese unfassbare Leere, die da schon so lange wartet.
Beide Optionen sind furchtbar.
Aber für mich ist es nur die zweite, die Heilung verspricht.
In den langen Jahren davor war der Eingang schon da, aber wir haben ihn nicht wahrgenommen, aus vielerlei Gründen. Klar, da war viel zu tun, was niemand anderes tun konnte. Aber das Wegschauen ist auch leicht gefallen dadurch.
Der Raum ist damit nicht verschwunden, die Leere hat sich, wenn überhaupt möglich, nur noch weiter ausgedehnt.
Sie hat geduldig gewartet, bis sie zur einzigen Option wurde.
Denn im Schmerz zu verharren ist in Wahrheit keine Alternative.
Das wissen wir natürlich, denn wir sind reflektiert und bewusst und haben uns mit all dem in aller Ausführlichkeit theoretisch auseinandergesetzt.
Dennoch fällt der Eintritt schwer. Hier ist nichts, buchstäblich und im übertragenen Sinn. Das Einzige, was da ist, bin ich, mit all dem, was in mir ist, was ich mitbringe an Erinnerungen, Emotionen, Anschuldigungen, an schlechtem Gewissen … und an Hoffnungen, die zu lange auf kleiner Flamme gekocht worden sind und nun nach nichts mehr schmecken.
Schale Hoffnung ist widerlich. Doch gar keine zu haben ist anders schwer.
In der Leere ist es kalt, grell und zugleich sanft und still. Das Licht ist immer das gleiche, aber mein Blick nimmt es immer wieder anders wahr. An manchen Tagen ist es am Morgen grau, matt und samtig. Später wird es schrill, tut in jeder Zelle weh und zieht an den Nerven, wie ein irres, viel zu stark gestrafftes Gummiband. Gegen Abend wird das Licht mitunter schwer, drückt nieder, macht den Raum noch weiter, was eigentlich gar nicht möglich sein sollte. Manchmal ist die Nacht erlösend, weil man auch innerlich irgendwann die Augen schließt und in den Schlaf entlassen wird. Manchmal ist genau das der Moment, wo es aufs Neue unerträglich wird.
Die Leere ist stumm.
Das Einzige, was ich hier höre, sind meine Gedanken und sie haben kein Echo. Der Raum nimmt sie auf, hört ihnen zu und wertet sie nicht, weder ab noch auf. Es kommen keine Gegenargumente, keine Widersprüche, kein Abwiegeln, kein falscher und auch kein echter Trost. Kein „das wird schon“, keine „die Zeit heilt alles …“, kein „… aber am Ende war es dann ja eine Erlösung … für alle“.
Der Raum hört einfach nur zu und die Gedanken haben alle Raum, können sich episch ausdehnen, stark auftreten oder leise flüstern … aber niemals können sie die Leere füllen.
Sie versickern irgendwann.
Und das wird irgendwann zu einem Segen.
Man sagt, dass der Klang einer Glocke im Universum auf ewig weiterschwingt.
Das müsste eigentlich auch auf andere Laute zutreffen, rein von der Logik her?
Aber in der Leere schwingen die Laute nur so weit, wie sie es aus eigener Kraft schaffen und das ist viel zu wenig, um diesen leeren Raum zu füllen.
Die Leere ist einfach da.
Sie erzwingt nichts. Sie erwartet nichts. Sie ist still, vielleicht sogar starr.
Ein endloser Raum, der nur einen einzigen Zweck erfüllt.
All die leeren Plätze, all den brüllenden Schmerz, alle ungeweinten Tränen und all das, was man so nebenbei als Trauer verstanden, aber in Wahrheit nie ganz aufgearbeitet hat, bekommt nun Raum, um seinen Platz einzunehmen.
Hier ist keine Ablenkung.
Hier bin nur ich und das, was in mir so lange darauf gewartet hat, gesehen, gefühlt, erkannt und akzeptiert zu werden.
Eine Vernissage innerer Bilder inklusive – die Motive sind die leeren Plätze, die sich in diesen Jahren ergeben haben. Es gibt keine Zuschauer, keine Gäste.
Die Leere zu betreten ist gleichsam verbunden damit, sie anzunehmen und zu lernen, wie man sie umarmt. Eine Aufgabe, der man sich beim Betreten nicht einmal ansatzweise gewachsen fühlt.
Da ist sie schier überwältigend, was Sinn macht – denn nur so bekommt sie die Aufmerksamkeit, die man braucht, um das Reflektieren, diesen Prozess des Annehmens und Akzeptierens, zu beginnen.
Eine Heilung, die wie jede Heilung mit Schmerz verbunden ist.
Die Leere, von der ich spreche, ist keine Krankheit. Sie ist ein Raum der Trauer, ein Teil dessen, was Verlust mit uns machen kann. Trauer ist eine natürliche Reaktion auf das, was uns genommen wurde, und sie kann uns körperlich wie seelisch an unsere Grenzen bringen. Manchmal kann daraus auch eine depressive Spirale entstehen, aus der man ohne Unterstützung nur schwer wieder herausfindet.
Für mich aber ist diese Leere ein Ort, den ich lange gemieden habe, weil ich nie gelernt hatte, was es bedeutet, sie auszuhalten.
Sie umarmen zu lernen, ist mein Weg, sie irgendwann auch wieder verlassen zu können.
Natürlich könnte man sich auch hier wieder durch Ablenkungen, wichtige Verantwortungen und andere To-dos ablenken. Die Leere ist keine Einbahnstraße und auch keine Sackgasse – ein Verlassen ist theoretisch jederzeit möglich.
Aber der Eingang bleibt offen und der Weg führt immer wieder zu ihr zurück. Das innere Lebensnavi nimmt vielleicht Zwischenstopps an, aber das Ziel wird immer wieder zu ihr führen.
Das kann Angst machen – denn in unserer Zeit wurden wir nicht auf diese wartende Leere vorbereitet. Logischerweise wehren wir uns, versuchen, uns diesem Raum zu entziehen. Es ist unbekanntes, weißes Land und es gibt keine Guides, keine Karten, keine Hinweise, keine KI, mit der man sich Erklärungen und Auswege konstruieren lassen könnte.
Widerstand macht es nur schwerer. Denn damit wird sie in unserer Vorstellung noch größer und das macht noch mehr Angst.
Hier ist nichts, somit auch nichts, was uns nicht wohlgesonnen wäre.
Hier ist nur das, was ich mitbringe.
Und das, was ich hierlasse, versickert.
Die Leere ist eine magische Abstellkammer, in der man all das aufarbeiten und loslassen kann, zu dem man in all den Jahren, bei all dem Tun, nie Zeit gefunden hat, zu tun.
Die ewig kreisenden Gedanken auf Spur bringen und einem Punkt zuzuführen.
Die stillen und lauten Vorwürfe gemeinsam mit dem schlechten Gewissen an die Wand zu schreien und zu sehen, wie sie im Nichts verschwinden, wo sie hingehören.
Den See aus Tränen zu weinen und zuzusehen, wie er langsam versickert, den Boden nährt und unerwarteterweise keine Salzwüste hinterlässt, sondern fruchtbaren Boden, der darauf wartet bestellt zu werden.
In der Leere liegt die Ruhe, nach der man sich in all diesen Jahren, nach all diesen Verlusten gesehnt hat. Und man erkennt, dass die Ruhe notwendig ist, damit man vom inneren Schreien nicht auch noch innerlich taub wird.
In der Leere liegt unser Potenzial, aus dem heraus wir so weit wachsen können, um das, was unfassbar scheint, anzunehmen. Nicht, weil es dann plötzlich hell und leicht wird, sondern weil wir in dieser Ruhe wieder unsere Kraft spüren und merken, dass es zwar weh tut, aber man daran so gewachsen ist, dass man es tragen kann.
Das Ego verliert sich in den Weiten. Was bleibt, bin ich. Ungeschönt, ohne Ruhm, ohne Glamour. Ohne Narben, ohne zusammengebissene Zähne, ohne Muss und ohne Soll.
Anfangs braucht es Zeit, bis die tauben Ohren aufgehen und die Stille annehmen können.
Später braucht es Zeit, bis man die Gedanken zu sich zurückkommen spürt. Weil manche eine viel zu weit entfernte Umlaufbahn eingeschlagen haben und gedroht haben, dort draußen verloren zu gehen.
Irgendwann kommt dann die Zeit, in der man die Leere in sich hineinfließen spürt. Ganz leicht, ganz sanft. Nicht um mich von innen heraus auszulöschen, sondern um den Raum in mir zu weiten, damit ich erkenne, dass ich hier Platz habe zu sein. Platz mich auszudehnen, mich wahrzunehmen und nicht die Bedürfnisse der Plätze derer, die die leeren Plätze einst innehatten. Die Leere dehnt mich aus, erfasst meine Zellen und öffnet auch in ihnen einen Raum, um ihnen das eigenständige Schwingen aus sich heraus wieder zu ermöglichen. Und man merkt, dass das, was sie vorher taten, ein Überleben und Durchhalten war.
In der Leere sitzt auch die Langeweile, was mitunter mühsam ist. Aber nach einiger Zeit mit ihr entdeckt man, dass sie eine Schwester der Kreativität ist und eng mit ihr verbunden. Sie brauchen sich gegenseitig und damit beginnt sich der Raum zu wandeln. Diese anfangs so unendliche Leere wird zu einem Raum, der mich auffordert ihn mit Wünschen zu füllen. Wünsche, Farben, Ideen und Träume. Da nur ich hier bin, kann man sie mir nicht wegnehmen, sie nicht kritisieren, sie nicht kleinreden. Sie haben den gleichen Wert hier zu sein, wie der Schmerz und alle seine Trauergeschwister.
Und irgendwann öffnet sich der Raum wieder, die Leere hat ihren Sinn erfüllt. Der Schmerz hat seine Ruhe gefunden, die Erinnerungen können nährende Liebe geben und die Langeweile hat ihren Platz ihrer bunten Schwester überlassen. Der Raum ist fassbar geworden. Hat seinen Horizont in eine Wand verwandelt, die mit einer anderen Wand verbunden ist, zu einem ganz normalen Raum wurde und da ist auch die Tür wieder. Die die ganze Zeit da war. Aber nun ist es kein Notausgang und keine einzige Option mehr. Sie ist ein Weg hinaus, im Wissen, dass es auch ein hinein sein kann. Denn so schwer es manchmal ist, die Leere zu umarmen, so zögerlich kann es am Ende sein, diese Umarmung aufzulösen.
Dann gilt es zu erkennen, dass es okay ist, loszulassen. Man verliert nichts von dem, was man hier gefunden hat. Der Trost bleibt, die heilsame Zeit tritt durch die Tür und kommt mit ins Außen, darf nun auch hier den Raum verändern.
Die Leere ist der Raum, der darauf wartet, von uns wahrgenommen zu werden, wenn das Leben sich unerträglich anfühlt, weil es das tut, was das Leben nun mal tut. Ungeplant, unvorhersehbar, ungerecht, unglücklich und nie so, wie man es geplant hat.
Das Leben ist nun mal nicht gerecht.
Aber es hat dafür gesorgt, dass wir Räume haben, in denen wir lernen können es anzunehmen.
Wer lernt, die Leere zu umarmen, bekommt mit ihr ein Geschenk, dessen Wert Zeit braucht, um verstanden zu werden.
Der Mut, den es braucht, sie anzunehmen, ist gewaltig. Aber gut investiert – denn sie wird einem zum Freund, zur Freundin. Weil es immer wieder Momente geben wird, in denen Plätze leer werden und das Leben unfassbar schmerzt. Und manchmal braucht es das gar nicht, um zu erkennen, dass es guttut, ihr mal wieder einen Besuch abzustatten, bevor alles so unerträglich wird, dass man den Eingang nicht mehr findet oder – schlimmer – ihn als letzten Ausweg ablehnt.
Die Leere ist ein Geschenk, das zu dir kommt und wenn sie da ist, kannst du dich immer wieder von ihr finden lassen. Wissend, dass sie der Raum ist, in dem du vom Leben heilen kannst, um es wieder lieben zu können.



