Wie oft am Tag sagst du Danke?
Und wie oft meinst du es wirklich?
Nicht das schnelle „Danke“, wenn dir jemand die Tür aufhält. Nicht das „Danke, gleichfalls“, das automatisch auf einen guten Wunsch folgt. Sondern ein Danke, das kurz innehalten lässt. Das mit Blickkontakt übergeben wird und tatsächlich ankommt.
Danke sagen gehört zum Leben. Wir lernen es, sobald wir sprechen können. Gemeinsam mit „Bitte“ gehört es zu den berühmten Zauberwörtern, mit denen Kinder zeigen sollen, dass sie die Regeln des sozialen Miteinanders verstanden haben.
Man merkt, wenn ein Danke fehlt.
Aber man spürt auch, wenn es nur ausgesprochen wird, weil es sich so gehört. Ein Reflex, eine Floskel, sozial korrekt und weitgehend inhaltsleer.
Wird ein Danke hingegen bewusst übergeben, bekommen diese fünf Buchstaben plötzlich Gewicht. Manchmal braucht es dafür nicht einmal ein Wort. Ein Blick kann reichen. Ein Lächeln. Ein Nicken. Dieser kurze Moment, in dem beide wissen: Ich habe wahrgenommen, was du getan hast.
Und damit sind wir beim Erntedank.
Inhaltsübersicht
Erntedank ist mehr als eine Fest mit Erntekrone
Im Jahreskreis steht die Herbst-Tagundnachtgleiche für die Qualität des Erntedanks. Mabon markiert den Übergang: Licht und Dunkelheit halten sich noch einmal die Waage, bevor die Nächte länger als die Tage werden. Die Ernte ist weitgehend eingebracht, der Ernteschnitt vollzogen. Nun ist es an der Zeit wahrzunehmen, was dieser Zyklus hervorgebracht hat.
Speziell in den ländlichen Bereichen werden nun die traditionellen Erntedankfeste gefeiert. Erntekronen werden gebunden, Kirchen geschmückt, Feste veranstaltet und altes Brauchtum gepflegt. Optisch ist also alles da, was aus der Überlieferung vorhanden sein soll.
Nur das es sich auch hier in vielen Fällen um ein “Reflex-Danke” handelt und sich inhaltlich seltsam leer anfühlt.
Die “korrekte Form” wird vollzogen, ohne das man sich lange mit ihrem Inhalt aufhält. Doch der eigentliche Sinn verschwindet immer mehr im Hintergrund: Die Anerkennung der Leistung abseits des Leistungsdenken,
Aber vor allem fehlt eines: Was ist mit meiner persönlichen Ernte?
Wir leben heute nur noch selten unmittelbar von dem, was wir selbst angebaut haben. Unsere “Ernte” besteht deshalb aus anderen Dingen. Aus Ergebnisse im Bezug auf unsere Arbeit, aus Begebenheiten und Erlebnissen rund um Beziehungen, aus Entscheidungen und Erfahrungen, Reisen, Begegnungen, Projekten, Abschlüssen und Neuanfängen. Aus dem, was wir geschaffen haben – und aus dem, was wir getragen haben.
Dabei geht es nicht nur darum, was gelungen ist.
Es geht darum, was war.
Vielleicht hast du ein großes Projekt erfolgreich abgeschlossen. Vielleicht hast du eines beendet, weil es nicht funktioniert hat. Vielleicht warst du an einem wunderbaren Ort, hast etwas gelernt, Menschen kennengelernt, etwas aufgebaut oder endlich eine lang hinaus geschobene Entscheidung getroffen.
Vielleicht hast du jemanden verloren.
Vielleicht ist etwas zerbrochen, von dem du dachtest, es würde bleiben.
Vielleicht bestand deine größte Leistung in diesem Jahr nicht darin, etwas zu erreichen, sondern darin, durch eine schwierige Zeit hindurchzukommen.
Auch das ist Ernte.
Erntedank bedeutet nicht, alles gut finden zu müssen. Er bedeutet zunächst einmal, hinzusehen und anzuerkennen: Das war Teil meines Jahres. Das habe ich erlebt. Das habe ich getan. Das habe ich getragen. Bis hierher bin ich gekommen.
Die größere Schaufel
Gerade im beruflichen Kontext fehlt für diese Form der Anerkennung oft der Raum.
Ein Projekt wird geplant, umgesetzt und abgeschlossen. Danach beginnt das nächste. Möglichst effizienter als das vorige, schneller, größer, erfolgreicher. Erreichte Ziele werden zur neuen Ausgangsbasis und aus außergewöhnlicher Leistung wird erstaunlich schnell der neue Normalzustand.
Zusammengefasst:
„Die Belohnung fürs Löchergraben ist eine größere Schaufel.“
Terry Pratchet
Treffender kann man unsere Leistungskultur kaum beschreiben.
Natürlich wird auch im beruflichen Umfeld gefeiert. Es gibt Abschlussessen, Boni, Incentives und Teambuilding. Doch selbst dort steht häufig schon die nächste Optimierung im Raum. Was können wir daraus mitnehmen? Was machen wir beim nächsten Mal besser? Wo können wir noch effizienter werden?
Die Frage ist selten: Was haben wir da eigentlich gerade geleistet?
Und noch seltener folgt darauf eine Pause, in der die Antwort wirklich ankommen darf.
Dabei gehört genau diese Phase zum Wachstum. Der Jahreskreis hört schließlich auch nicht bei der Ernte auf.
Deinen Rucksack packen
Nach der Ernte kommt der Erntedank. Danach beginnt der Rückzug.
Für mich ist der stimmig vollzuogene Erntedank vergleichbar mit dem Packen eines Rucksacks.
Bevor ich in die dunklere Jahreshälfte gehe, schaue ich mir an, was der durchlebte Zyklus hervorgebracht hat. Ich nehme die “Früchte” noch einmal in die Hand. Nicht, um sie in gut und schlecht zu sortieren, sondern um zu wissen, was da ist.
- Was habe ich gelernt?
- Was habe ich geschafft?
- Was hat mich Kraft gekostet?
- Was hat mir Kraft gegeben?
- Was habe ich verloren?
- Was möchte ich behalten?
- Was darf zurückbleiben?
Erst wenn ich meine Ernte kenne, wenn ich mir alle Aspekte angesehen habe, kann ich sie mitnehmen.
Die Bäume machen uns diesen Übergang jedes Jahr ziemlich eindrucksvoll vor. Bevor sie sich gänzlich zurückziehen, feiern sie noch einmal ein Farbenfest. Ein letztes Aufleuchten im Außen, ehe die Kräfte ganz nach innen und zu den Wurzeln wandern.
Erntedank sollte genau das sein: ein Anerkennen des Erlebten, bevor die Reise nach innen beginnt.
Der Rucksack mit unserer Ernte wird dabei zum Proviant, von dem wir im Rückzug zehren und aus dem wir uns Kraft für den nächsten Zyklus entwickeln können.
Nicht nur die Erfolge kommen hier hinein. Auch Erfahrungen, Erkenntnisse, Abschiede, Fehler, schöne Erinnerungen und schwierige Zeiten. Alles, was uns in diesem Zyklus geprägt hat. In den kommenden Monaten soll es sich dann wandeln dürfen.
Erfahrungen brauchen Zeit, um sich zu setzen. Erkenntnisse müssen verinnerlicht werden. Manches verstehen wir erst mit Abstand. Manches nie vollständig.
Das ist keine unproduktive Zeit.
Es ist der Teil des Wachstums, den man von außen kaum sieht.
Nebeltage: Wenn der Blick unscharf wird
Ich mag die Nebeltage. Der Herbst bringt sie und ihr Geschenk braucht Zeit und Lebenserfahrung, damit es verstanden wird: Der Nebel nimmt uns den klaren Blick in die Ferne. Und ja, das kann ein Geschenk sein.
Die Konturen verschwimmen. Bekannte Wege sehen plötzlich anders aus. Ich muss langsamer werden, genauer wahrnehmen und mich stärker auf das verlassen, was ich weiß und was in mir verankert ist.
Viele Menschen mögen diesen Zustand nicht besonders. Wir sind auf Helligkeit, Sichtbarkeit und Klarheit ausgerichtet (worden). Was wir sehen, können wir benennen. Was wir benennen, können wir einordnen. Was wir einordnen, scheint kontrollierbar.
Diese Ausrichtung zum Licht hin, gemeinsam mit dem Ablehnen der Dunkelheit, ist ein “Symptom”, dass wir mit dem künstlichen Licht entwickelt haben. Die Nacht kann auf Knopfdruck zum Tag werden, die Dunkelheit wird zurück gedrängt und als unproduktiv, als gefährlich und leer verstanden.
Unsere immer mehr auf Leistung orientierte Kultur verstärkt diesen Blick: Ziele sollen klar, Ergebnisse sichtbar und Erfolge messbar sein. Der Fokus liegt im Außen und möglichst schnurgerade auf dem nächsten Ziel.
Dunkelheit funktioniert anders.
Sie nimmt uns den Tunnelblick.
Schau in einer klaren Nacht in den Himmel. Am Tag reicht der Blick vielleicht bis zum nächsten Berg. In der Nacht reicht er plötzlich bis zu den Sternen. Die Dunkelheit macht unsere Welt also nicht kleiner. Sie macht sie unermesslich groß und zeigt uns ein Universum und eine endlose Weite – die beängstigend sein kann. Wo vertraute Konturen fehlen, wird Orientierung schwierig.
Im Dunkeln und im Nebel muss ich stärker in mir selbst verankert sein, damit ich mich nicht verliere.
Der Herbst führt uns langsam dorthin. Es geht nicht plötzlich von der grellen Sommersonne in die tiefe Winternacht, sondern über Dämmerung, Nebel und länger werdende Schatten. Die Natur nimmt den Fokus langsam zurück.
Auch deshalb braucht es die sanfte Reife des Spätsommers, die Entschlusskraft des Ernteschnitts und schließlich auch den satt und genüsslich zelebrierten Erntedank.
Ich muss wissen, was ich im Rucksack habe.
Damit ich mich mit sicherem Schritt auf den Weg zu mir selbst machen kann.
Ein Warum im Herzen
Zur dieser inneren Orientierung gehört aber auch noch etwas anderes: Ein herzhaftes, gutes und stabiles “Warum”.
„Wer ein Warum hat, dem ist kein Wie zu schwer.“
Nach Friedrich Nietzsche
Ein Warum macht schwere Zeiten nicht leichter. Es verhindert weder Trauer noch Schmerz, Erschöpfung oder Zweifel.
Aber es gibt eine Richtung, es gibt mir einen Grund und damit einen Anker, an dem ich meine Resilienz verorten kann.
Wenn ich weiß, wofür ich etwas tue, kann ich Schwierigkeiten anders einordnen. Ich weiß, warum ich mich anstrenge. Warum ich weitermache. Warum ich etwas beende. Warum ich eine unangenehme Entscheidung treffe oder einen Weg gehe, obwohl er gerade mühsam ist.
Auf die Frage nach dem Warum mit einem „Darum!“ zu antworten, mag eine Diskussion beenden.
Orientierung schafft es nicht.
Ein gutes Warum im Herzen kann zu einem inneren Fixpunkt werden. Wenn draußen die Konturen verschwimmen, kann sich der Kopf daran orientieren. Und auch dafür brauche ich meinen Erntedank-Rucksack.
Denn ein Warum lebt nicht im luftleeren Raum. Es speist sich auch aus dem, was erlebt, entschieden, geschafft, verloren und verstanden wurde.
Ich muss meine eigene Geschichte kennen, um mich an ihr orientieren zu können.
Dann findet mein Warum einen Boden, auf dem es wurzeln kann.
Zur Erntekrone gehört auch der Misthaufen
Damit diese Geschichte vollständig ist, braucht es zwingend auch die “andere” Seite: Wer den Erntedank ernst nimmt, sollte nicht nur auf die prachtvolle Erntekrone anschauen. Sondern auch auf den Misthaufen.
Eine weise Frau hat einmal zu mir gesagt:
„Die Scheiße von gestern ist der Dünger von morgen.“
Das ist weder besonders poetisch noch feinfühlig. Aber dafür umso wahrer – weil lebensecht.
Nicht jedes schmerzhafte Erlebnis muss oder kann als Geschenk betrachtet werden. Nicht jeder Verlust braucht einen tieferen Sinn. Wir müssen nicht aus allem eine Lektion machen, damit es eine Berechtigung in unserem Leben bekommt.
Mist darf zunächst einmal Mist sein. Darf stinken, darf widerlich sein, darf auch Ekel und Wut hervorrufen.
Mist gehört zum Dasein dazu.
Vielleicht wird irgendwann Dünger daraus. Vielleicht entsteht aus einem Fehler eine Erkenntnis, aus einem Scheitern eine neue Richtung, aus einem Abschied mehr Klarheit darüber, was wirklich wichtig ist.
Vielleicht geht es schnell, vielleicht dauert es auch Jahre.
Hier und heute, beim Erntedank, muss das nicht entschieden werden. Vielleicht findet sich später eine Entscheidung. Vielleicht passiert der Wandel von selbst.
Kompost braucht meist keine Anleitung, um zu geschehen. Nur Zeit.
Es reicht, wenn man den Misthaufen nicht hinter der schön geschmückten Erntekrone versteckt.
Sag dir Danke.
Wenn du dieser Tage Erntedank feierst, dann nimm dir auch Zeit für das Wahrnehmen deiner eigenen Ernte.
Schau darauf, was du in diesem Zyklus geleistet hast. Was du geschaffen, getragen, genossen, entschieden, beendet, verloren und überstanden hast.
Schau auf die vollen Körbe und die leeren Hände.
Auf die Erntekrone und den Misthaufen.
Pack deinen Rucksack, damit du weißt, was du bei dir hast, wenn der Weg in den kommenden Monaten dunkler wird und die Konturen verschwimmen.
Vielleicht findest du dabei auch dein Warum wieder. Meist gibt es mehrere davon, größere und kleinere.
Manchmal fällt eines weg. Dann darf hier auch eine Zeit lang ein leerer Raum sein, bis sich ein neues Warum findet.
Und am Ende bleibt noch dieses kleine Wort, mit den fünf Buchstaben.
Sprich es sanft aus, mit Liebe und Respekt. Still oder laut.
Ein Danke, das kurz innehält.
Das wahrnimmt.
Das anerkennt.
Und das meint, was es sagt.
Danke
Danke
für das, was ich geschaffen habe,
und für das, was ich getragen habe.
Für das, was gelang,
und für das, was nicht gelingen wollte.
Für Wege, die weiterführten,
und für jene, an deren Ende ich umkehren musste.
Danke
für die Menschen und Wesen, die geblieben sind,
für jene, die weitergingen,
und für jene, von denen ich Abschied nehmen musste.
Für Augenblicke voller Freude.
Für Tage, die leicht waren.
Für schwere Zeiten, durch die ich gegangen bin,
auch wenn ich für sie selbst noch nicht danken kann.
Danke
für Entscheidungen, die richtig waren,
und für jene, die ich heute anders treffen würde.
Fürs Dranbleiben.
Fürs Durchhalten.
Fürs Loslassen.
Und fürs Aufgeben, wenn Weitergehen nicht mehr richtig war.
Danke
für das, was ich verstanden habe,
und für das, was noch Zeit braucht.
Für meine vollen Körbe
und meine leeren Hände.
Für meine Erntekrone
und meinen Misthaufen.
Für alles, was ich aus diesem Jahr
in meinen Rucksack packe.
Es ist mein Proviant
für den Weg durch die Dunkelheit.
Und wenn der Nebel kommt,
erinnert er mich daran,
was ich getragen habe,
wer ich geworden bin
und warum ich weitergehe.
Danke.



