Blogserie “Die Farben der Welt” – Teil 10
Grau ist die Farbe, die das mit Abstand schlechteste Image im Kreis der Farben hat. Sie wird mit Langeweile, Tristesse und auch rein verbal mit allen grausigen Gräulichkeiten in Verbindung gebracht. Wer einen grauen Alltag hat, führt kein besonders aufregendes Leben. Wer als graue Maus gilt, fällt nicht auf. Wer graue Haare bekommt, ist alt.
Andererseits gehört Grau zu den allgegenwärtigsten Farben unserer Welt. Mutter Natur hat diese Farbe längst als wirkungsvolle Tarnung entdeckt. Im Tierreich ist Grau weit verbreitet und kann vor neugierigen Blicken ebenso schützen wie vor hungrigen Feinden. Beim Menschen hingegen scheint es wenig Begeisterung auszulösen.
Grau gehört zu den unbeliebtesten Farben. In einer Befragung zur Farbwirkung bezeichnete gerade einmal ein Prozent der Teilnehmenden Grau als Lieblingsfarbe.
Was haben wir für ein Problem mit Grau, dass wir diese Farbe mit so vielen unangenehmen Eigenschaften beladen? Oder verrät unsere Abneigung gegen Grau am Ende mehr über uns selbst als über die Farbe?
Inhaltsübersicht
Grau – kann sich nicht entscheiden
Grau liegt zwischen Schwarz und Weiß. Es ist weder das eine noch das andere und scheint sich auch nicht entscheiden zu wollen. Daraus ergibt sich ein entsprechender Vorwurf: unentschlossen, mittelmäßig und charakterlos. Grau leuchtet nicht, drängt sich nicht auf und nimmt anderen Farben ihre Strahlkraft, sobald es sich mit ihnen vermischt. Es kann Buntheit abschwächen, Kontraste mindern und Farben optisch zurücktreten lassen. Kein Wunder, dass Gelb und Orange zu seinen stärksten Gegenspielern zählen. Wo diese Farben leuchten, hält sich Grau zurück.
Kommt der Herbst und mit ihm der graue Nebel ins Land, ist auch Zeit fürs Gruseln. Halloween lässt grüßen, und es ist sicher kein Zufall, dass das leuchtende Halloween-Orange dem Grauen als greller Kontrapunkt entgegengesetzt wird.
„Wie die Farben, so werden auch die Gefühle durch Grau zerstört:
Deshalb ist Grau grausam.“Eva Heller, Wie Farben auf Gefühl und Verstand wirken
Doch wenn man unsere Vorurteile einmal außen vor lässt, liegt gerade in dieser dämpfenden Zurückhaltung viel Kraft und Nutzen. Grau lässt andere Farben wirken, ohne selbst ständig Aufmerksamkeit einzufordern. In der Raumgestaltung kann es Ruhe schaffen, kräftige Farben ausgleichen und als verbindender Hintergrund dienen. Natürlich kommt es dabei auf die passende Nuance an. Ein warmes, sanftes Grau kann mit anderen Farbtönen harmonieren, während ein kaltes Grau einen lichtarmen Raum mitunter bedrückend wirken lässt.
Grau ist also keineswegs wirkungslos. Bewusst eingesetzt, kann es für Ausgleich und Harmonie sorgen.
Nebelgrau, Morgengrauen und graue Himmel
Ein strahlend blauer Himmel ist für uns gleichbedeutend mit einem schönen Tag. Graue Wolken hingegen bedeuten schlechtes Wetter. Mit den gedämpften Farben am Himmel und auf dem Meer sinkt zugleich die Stimmung. Dabei brauchen wir gerade in Zeiten zunehmender Hitze und Trockenheit dringend jene grauen Regentage, die in Wetterberichten so gerne als unfreundlich bezeichnet werden.
Ohne Regen fehlt das Wasser, ohne Wasser das Wachstum. Ernten leiden, die Natur trocknet aus. Höchste Zeit also, unsere Vorstellung von schlechtem Wetter zu überdenken. „Nährendes Wetter“ wäre für einen grauen Regentag oft die treffendere Beschreibung.
Spannend ist auch, dass viele Menschen bei grauem Wetter bevorzugt zu grauer oder schwarzer Kleidung greifen, speziell wenn die Tage dunkler werden. Als gäbe es einen geheimen Kleidungsknigge, der vorschreibt, dass man sich im Herbst und Winter möglichst unauffällig in die Umgebung einzufügen hat und auf diese Weise die Buntheit noch weiter eindämmt.
Vom Grauen und anderen grauen Geschichten
In unserer Sprache hat sich das Grau mit einer bemerkenswerten Fülle unangenehmer Vorstellungen verbunden. Uns graut vor etwas, wir empfinden Grausen, sprechen von grauenhaften Ereignissen und grausamen Menschen. Auch wenn die ähnlich klingenden Wörter nicht alle denselben sprachgeschichtlichen Ursprung haben, ist die gedankliche Nähe auffällig.
In Goethes Faust II treten Sorge, Mangel, Schuld und Not als vier graue Frauen auf. Sie verkörpern jene Kräfte, die dem Menschen Zuversicht und Lebensfreude nehmen – Emotionen, die nach Buntheit verlangen und auch gerne so dargestellt werden. Grau wird hier zur Farbe des Elends, der Bedrückung und der Vergänglichkeit.
Der Aschermittwoch ist ein grauer Feiertag. Er beendet die bunte Narrenzeit und erinnert uns an Vergänglichkeit, Buße und Sterblichkeit. Grau steht hier für die Endlichkeit des Daseins.
Auch in der Pflanzenwelt begegnet uns Grau in der Trauersymbolik. Rosmarin etwa ist seit Langem mit Erinnerung und Totengedenken verbunden, während die Trauerweide ihren Namen ihrer charakteristischen Wuchsform verdankt. Salbei und Rosmarin besitzen zudem oft silbrig-graues Laub. Dabei sind diese Pflanzen alles andere als trostlos. Die silbrige Färbung vieler Blätter entsteht unter anderem durch feine Härchen, die vor intensiver Sonneneinstrahlung und Austrocknung schützen können.
Was wir als trüb empfinden, kann in der Natur also eine ausgesprochen kluge Überlebensstrategie sein. Das gilt auch im Tierreich. Mäuse, Wölfe und zahlreiche dämmerungsaktive Tiere profitieren davon, dass sie sich dank grauer Fellfarben optisch mit ihrer Umgebung verbinden. Auch Elefanten und viele Wale tragen Grautöne. Ihre Färbung erfüllt je nach Lebensraum unterschiedliche Funktionen und zeigt jedenfalls, wie wenig die Natur von unserer Vorstellung hält, Grau wäre eine minderwertige Farbe.
Die kleinen grauen Zellen und andere Grauzonen
Kommen wir zu einem Bereich, in dem Grau positiv gesehen wird: Unsere sogenannten kleinen grauen Zellen stehen für Denkvermögen, Wissen und Klugheit. Die graue Substanz des Gehirns ist tatsächlich wesentlich an der Verarbeitung von Informationen beteiligt.
Wer seine grauen Zellen anstrengt, denkt nach, statt einfach zu reagieren. Grau wird damit zur Farbe der Nachdenklichkeit. In Verbindung mit Blau zählt es zu jenen Farbkombinationen, die besonders häufig mit diesem Begriff assoziiert werden.
Allerdings ist auch alle Theorie bekanntlich grau – eine Redensart, die das Abstrakte, das Trockene und das vermeintlich Lebensferne abwertet. Dabei wäre ohne Theorie so manche praktische Erkenntnis erst gar nicht möglich.
Dann wären da noch die Grauzonen. Im Recht, in der Politik und im gesellschaftlichen Zusammenleben bezeichnet man damit Bereiche, in denen Grenzen nicht eindeutig gezogen werden können. Wo Schwarz und Weiß als Synonyme für Gut und Böse nicht ausreichen, wird Grau zur Farbe der Unsicherheit und Zweideutigkeit. Es wird auch im übertragenen Sinne zwielichtig.
Als graue Eminenz bezeichnet man eine Person, die im Hintergrund die Fäden zieht – unsichtbar, aber mit großer Wirkung. Auf dem grauen Markt wiederum werden Waren außerhalb der üblichen oder autorisierten Vertriebswege gehandelt. Grau scheint sich dort wohlzufühlen, wo Dinge nicht eindeutig erkennbar oder zuordenbar sind, wo man nicht genau weiß, ob etwas rechtens oder falsch ist.
Wir neigen dazu, unsere eigenen moralischen Grenzen und Werte für besonders richtig zu halten und sie über jene anderer Menschen zu stellen. Schwarz oder Weiß, Ja oder Nein – für Zwischentöne bleibt wenig Platz.
Dabei besteht unsere Welt nicht ausschließlich aus zwei gegensätzlichen Polen. Was für die einen richtig ist, gilt für andere als falsch. Selbst Gesetze und gesellschaftliche Moralvorstellungen sind menschengemacht und keineswegs unfehlbar. Grau erinnert uns daran, dass nicht alles eindeutig zu beurteilen ist. Wer sich in einer Grauzone bewegt, muss deshalb genauer hinsehen, eigene Überzeugungen hinterfragen und Verantwortung für seine Entscheidungen übernehmen.
Was Lieblingsfarben über Menschen verraten – oder eben nicht
Wenn Grau so unbeliebt ist, stellt sich natürlich die Frage, was es über jene Menschen aussagt, die es trotzdem mögen.
Der Schweizer Psychologe Max Lüscher veröffentlichte 1948 einen Farbtest, mit dem er aus der Auswahl und Reihenfolge bestimmter Farben Rückschlüsse auf Persönlichkeit, Bedürfnisse und psychische Verfassung ziehen wollte. Grau wurde dabei unter anderem mit Abgrenzung und dem Wunsch nach Distanz verbunden.
Der Lüscher-Farbtest erfreute sich lange großer Beliebtheit. Es war verlockend, anhand weniger Farbentscheidungen einen Menschen durchschauen zu können. Mittlerweile gilt seine Aussagekraft als Persönlichkeitstest wissenschaftlich als nicht ausreichend belegt. Die Zuordnungen sind zu pauschal, die Interpretationen zu abhängig von Annahmen, die sich nicht zuverlässig überprüfen lassen.
Eine Person, die Grau liebt, muss weder kontaktscheu noch besonders distanziert sein. Vielleicht gefällt ihr einfach ein bestimmter Grauton. Vielleicht mag sie die Ruhe, die Grau in einen Raum bringt. Vielleicht lässt es sich hervorragend mit anderen Lieblingsfarben kombinieren.
Spannender als die Frage, welche Farbe jemand bevorzugt, finde ich deshalb die Frage nach dem Warum. Welche Erinnerungen, Gefühle und Erfahrungen verbinden wir mit einer Farbe? Was gefällt uns daran und was lehnen wir ab?
Dabei erfahren wir tatsächlich etwas über einen Menschen. Nicht aus einer vermeintlich allgemeingültigen Farbdeutung, sondern aus einer ganz persönlichen Geschichte.
Graue Haare, silberne Schläfen und eine gehörige Portion Doppelmoral
Sehr aufschlussreich wird unser Verhältnis zu Grau, sobald die Farbe auf unseren Köpfen auftaucht.
Graue Haare gelten als klassisches Zeichen des Älterwerdens. Dabei können die ersten grauen Strähnen bereits in jungen Jahren erscheinen. Ich erinnere mich an Freundinnen, die schon mit Anfang zwanzig ihre Haare färbten, weil man in diesem Alter ja noch keine grauen Haare haben durfte.
Interessant ist, dass Grau nicht bei allen Menschen dieselbe Bedeutung hat. Bei Männern werden graue Haare gerne zu silbernen Schläfen veredelt. Sie stehen für Reife, Erfahrung, Würde und verleihen vielleicht sogar zusätzliche Attraktivität. Bei Frauen hingegen gelten dieselben grauen Haare häufig als Zeichen dafür, dass sie endlich etwas gegen das sichtbare Altern unternehmen sollten.
Das Alter ist damit geschlechtsbezogen unterschiedlich bewertet: Ein Mann reift, eine Frau altert. Ein Mann bekommt silberne Schläfen, eine Frau soll sich gefälligst die grauen Haare färben.
Ein und dieselbe Farbe, ein und dasselbe körperliche Merkmal – und dennoch zwei völlig unterschiedliche Bewertungen. Das Problem ist hier nicht die Farbe, sondern eine gesellschaftliche Doppelmoral, die Frauen einmal mehr deutlich stärker über Jugendlichkeit und äußere Attraktivität definiert.
Wo Grau in der Natur als Tarnfarbe dient, wird es beim Menschen zum Sinnbild gesellschaftlicher Unsichtbarkeit. Mit zunehmendem Alter werden Menschen häufiger übersehen – Frauen trifft das besonders deutlich. Rund um die Menopause erleben viele nicht nur körperliche Veränderungen, sondern auch eine veränderte gesellschaftliche Wahrnehmung. Sie werden weniger beachtet, beruflich unterschätzt oder fallen zunehmend aus dem Blickfeld.
Das Grau auf ihren Köpfen ist daran freilich unschuldig. Verantwortlich sind gesellschaftliche Vorstellungen, die weibliche Sichtbarkeit noch immer viel zu stark an Jugendlichkeit knüpfen.
Wie grau darf das Alter sein?
„Du schaust jung aus für dein Alter!“ – Das klingt freundlich, hinterlässt aber auch einen schalen Geschmack. Denn eigentlich bedeutet es nur, dass man noch nicht so aussieht, wie man es von jemandem dieses Alters erwarten würde. Alt werden ist toll, aber alt aussehen ist etwas, das man unbedingt vermeiden sollte.
Eine Diskrepanz, an der man irgendwann zwangsläufig scheitern wird.
Wer bestimmt eigentlich, wie man in einem bestimmten Alter auszusehen hat? Welche Kleidung ist noch erlaubt, welches Verhalten angemessen? Und wie funktioniert das überhaupt, dieses viel beschworene „gute Altern“?
Unter dem Begriff Ageism wird die Diskriminierung aufgrund des Alters zusammengefasst. Die Initiative Ageism Is Never In Style und die Kampagne #ILookMyAge hinterfragen genau jene gesellschaftlichen Erwartungen, nach denen Menschen möglichst jung aussehen sollen, um als attraktiv, aktiv oder bewundernswert zu gelten.
Betrachtet man es nüchtern und distanziert, ist es reichlich absurd: Wir wollen möglichst lange leben, aber die sichtbaren Spuren dieses langen Lebens sollen gefälligst verschwinden. Ganze Industrien verdienen daran, dass wir Falten, graue Haare und andere Alterszeichen als Makel betrachten.
Eine Freundin hat es unlängst wunderbar auf den Punkt gebracht: „Wer nicht alt werden will, muss jung sterben. Und das haben wir verpasst.“
Alt werden ist keine Schande und graue Haare sind kein Fehler der Natur. Sie sind eine ganz normale Veränderung der Haarpigmentierung, die häufig schon in recht jungen Jahren beginnt. Ob man sie färbt, abschneidet oder stolz trägt, sollte eine persönliche Entscheidung sein und keine gesellschaftliche Verpflichtung.
Grau ist nicht das Ende der Farben
Grau zerstört weder Gefühle noch Lebensfreude. Es ist eine Farbe, die wir mit bestimmten Vorstellungen verbinden. Diese Vorstellungen sind kulturell geprägt, verändern sich im Laufe der Zeit und lassen sich hinterfragen.
Das Leben endet nicht, wenn die Haare grau werden, sondern dann, wenn es vorbei ist. Bis dahin haben wir jedes Recht, die Farben der Welt in ihrer ganzen Vielschichtigkeit und Brillanz zu leben. Grau gehört dazu, mit demselben Wert wie alle anderen Farben.
Einmal mehr zeigt sich in dieser Serie, wie sehr unsere Bewertungen von Farben durch gesellschaftliche Vorstellungen geprägt sind. Was heute bejubelt wird, kann morgen verpönt sein – und umgekehrt. Ansichten sind schließlich keine Naturgesetze.
Unser Kopf ist bekanntlich rund, damit das Denken auch einmal die Richtung ändern kann. Mit etwas Glück steckt darin ausreichend graue Gehirnmasse, um überkommene Vorstellungen kritisch zu hinterfragen.
Grau gilt auch als Farbe des Vergessens und der Vergangenheit. Ein guter Ort also, um ein paar grautumbe Vorurteile endgültig abzulegen. Vor allem jene, die Menschen aufgrund ihres Alters oder ihrer Haarfarbe in eine Schublade stecken.



