Blogserie “Die Farben der Welt” – Teil 9
Braun hat ein gewaltiges Imageproblem. Fragt man Menschen nach ihrer Lieblingsfarbe, landet Braun ziemlich zuverlässig ganz weit hinten. Es gilt als langweilig, altmodisch, bieder, manchmal schlicht als hässlich. Braun ist keine Farbe, mit der man auffallen möchte. Schon gar keine, mit der man sich schmückt.
Zumindest behaupten wir das.
Denn gleichzeitig tragen wir Braun, wohnen in Braun und essen Braun. Holz, Leder und Wolle bringen es in unsere Häuser, Braun gehört zu den häufigsten Haarfarben, und wer seine braunen Haare sprachlich etwas eleganter präsentieren möchte, nennt sich eben brünett. Kaffee ist braun, Kakao ist braun, Schokolade ist braun. Brot braucht eine ordentlich braune Kruste, ein Schnitzel eine goldbraune Panier – ein weißes Schnitzel würde wohl selbst überzeugte Braun-Verächterinnen vor eine Herausforderung stellen.
Braun ist überall. Wir wollen es nur offenbar nicht besonders mögen.
Dabei vereint die Farbe erstaunliche Widersprüche. Sie steht sowohl für das Hässliche und Unangenehme, aber ebenso für Gemütlichkeit, Natürlichkeit und Geborgenheit. Das macht Braun interessanter, als sein Ruf vermuten lässt.
Inhaltsübersicht
Braun schmeckt
Bei Lebensmitteln bekommt Braun plötzlich Eigenschaften, die wir der Farbe sonst kaum zugestehen: kräftig, aromatisch, herzhaft, gehaltvoll.
Dunkle Schokolade verspricht mehr Kakao, dunkles Bier mehr Geschmack, eine kräftig braune Sauce mehr Substanz. Kaffee soll ohnehin möglichst dunkel sein. Bei Brot, Gebäck und gebratenen Lebensmitteln erwarten wir Bräunung ganz selbstverständlich. Nicht jedes dunkle Bier ist deshalb gehaltvoller und nicht jedes braune Lebensmittel automatisch aromatischer. Aber unser Auge isst bekanntlich mit. Braun sagt uns: Das ist geröstet, gebacken, gebraten, kräftig.
Gerade in Österreich ist eine Welt ohne essbares Braun schwer vorstellbar. Man müsste auf Schnitzel, Kaffee, Kakao und Schokolade verzichten. Aus diesem Blickwinkel betrachtet mutiert Braun in nullkommanix zu einer der beliebtesten Farben.
Eine Farbe, die eigentlich keine sein will
Auch farblich ist Braun ein Sonderfall. Braun lässt sich erstaunlich leicht herstellen. Mischt man verschiedene Farben miteinander, landet man irgendwann ziemlich zuverlässig dort. Rot und Grün, Orange und Blau, Gelb und Violett – je nach Mischungsverhältnis entstehen unterschiedlichste Brauntöne.
Braun drängt sich nicht auf. Es entsteht beinahe von selbst.
Vielleicht wirkt es gerade deshalb auf uns so selbstverständlich, denn in der Natur müssen wir nach Braun nicht lange suchen. Erde, Rinde, Holz, Samen, vertrocknete Gräser, Nüsse, Tiere, Steine – Braun bildet vielerorts den Hintergrund, vor dem die auffälligeren Farben erst sichtbar werden.
Im Herbst tritt dieser Hintergrund wieder stärker hervor. Das Grün zieht sich langsam zurück, Pflanzen verholzen oder trocknen ein, Samen reifen, Blätter verfärben sich und der Blick fällt wieder stärker auf Erde und Struktur. Nicht weil Braun ausschließlich eine Herbstfarbe wäre. Aber der Herbst erinnert daran, wie viel Braun unter all dem Grün immer schon da war.

Früher arm, heute edel
Noch deutlicher wird der Widerspruch bei Kleidung und Materialien.
Bevor Menschen Stoffe aufwendig färbten, waren die Farben der verwendeten Fasern zunächst einmal jene, die das Material mitbrachte. Ungefärbte Wolle, Leinen und andere Naturmaterialien bewegten sich in Weiß-, Grau-, Beige- und Brauntönen. Färben erforderte zusätzliche Rohstoffe, Wissen und Arbeitsschritte. Braun wurde damit über lange Zeit auch zur Farbe einfacher Kleidung und ärmerer Bevölkerungsschichten. Wer sich keine kostbare Farben leisten konnte, trug das, was vorhanden war.
Heute hat sich diese Bedeutung teilweise komplett umgedreht.
Naturbelassenes Holz, echtes Leder, ungefärbte Wolle, Leinen, Keramik und Naturtöne können für Qualität, Nachhaltigkeit und Hochwertigkeit stehen. Wir bezahlen mitunter ziemlich viel Geld dafür, dass etwas aussieht, als hätte man möglichst wenig damit gemacht.
Auch Beige erzählt davon. Das Wort bezeichnete ursprünglich die natürliche Farbe ungefärbter Wolle beziehungsweise ungefärbter Stoffe – roh und unbehandelt. Selbst die elegantere Bezeichnung brünett führt schnurstracks zurück zu Braun: über das französische brunette und brun – braun.
Aus der Farbe des Unveredelten wurde eine Ästhetik des Natürlichen.
Braun kann deshalb gleichzeitig billig und teuer aussehen, ärmlich und edel, ungepflegt und hochwertig. Es kommt darauf an, ob wir darin den alten Kartoffelsack oder das handgewebte Naturleinen sehen.
Und dann wurde es politisch
Bei kaum einer anderen Farbe im deutschen Sprachraum ist die politische Bedeutung heute so eindeutig.
„Braun“, „die Braunen“, „braune Gesinnung“ – niemand muss erklären, was damit gemeint ist. Die Farbe wurde zum Synonym für Nationalsozialismus und später auch für rechtsextreme Ideologien. Ihren Ausgang nahm diese Verbindung vor allem bei der SA, der paramilitärischen Organisation der NSDAP, deren Mitglieder wegen ihrer Uniformen als „Braunhemden“ bezeichnet wurden. Die SA spielte beim Aufstieg der Nationalsozialisten eine zentrale Rolle und setzte Gewalt und Einschüchterung gezielt gegen politische Gegner ein.
Doch warum ausgerechnet Braun?
Eine oft erzählte Geschichte führt zu Gerhard Roßbach und zu khakibraunen Hemden, die ursprünglich für deutsche Kolonialtruppen vorgesehen beziehungsweise von solchen Uniformen inspiriert gewesen sein sollen. Über Roßbachs Verbände gelangte das Braunhemd schließlich in die SA. Die Details dieser Entstehungsgeschichte sind allerdings nicht in allen historischen Quellen deckungsgleich. Fest steht: Mitte der 1920er-Jahre etablierte sich das Braunhemd zunehmend als Erkennungszeichen der SA und Braun damit als politische Farbe der nationalsozialistischen Bewegung.
Das ist aus heutiger Sicht bemerkenswert. Denn Braun ist ja keine außergewöhnliche Farbe, ganz im Gegenteil.
Braune Männerkleidung war alltäglich und angepasst. Wer Braun trug, fiel zunächst nicht auf. Ob die Nationalsozialisten Braun deshalb bewusst wählten, lässt sich historisch nicht belegen. Trotzdem lohnt es sich, die Wirkung anzusehen: Eine politische Bewegung besetzte keine exotische Farbe, sondern eine Allerweltsfarbe. Braun musste nicht erst in den Alltag eindringen. Es war längst dort … und wurde quasi politisch annektiert.
Damit geschah etwas, das aus heutiger Sicht beinahe wie ein Lehrstück politischer Markenbildung wirkt: Nicht nur die Bewegung bekam eine Farbe. Die Farbe bekam eine politische Identität.
Wer ein braunes Hemd trug, konnte nun als Teil dieser Bewegung gelesen werden. Aus einer gewöhnlichen Kleidungsfarbe wurde ein Zeichen der Zugehörigkeit. Je stärker SA und NSDAP öffentlich auftraten, desto enger verband sich die Farbe mit ihnen. Die Nationalsozialisten verstanden es ohnehin, Symbole, Uniformen, Fahnen, Rituale und öffentliche Inszenierungen für ihre Propaganda einzusetzen. Beim Braun war die Wirkung besonders nachhaltig.
Fast hundert Jahre später reicht ein einziges Wort, um ein furchtbares geschichtliches Kapitel zu erzählen: Braun.
Niemand mag Braun. Aber dennoch wollten plötzlich alle braun sein.
Die nächste Wendung in der Geschichte dieser ungeliebten Farbe ist beinahe absurd.
Jahrhundertelang war gebräunte Haut kein erstrebenswertes Schönheitsideal. Wer draußen arbeitete, bekam Sonne ab. Wer es sich leisten konnte, sich vor ihr zu schützen, blieb hell. Ein heller Teint wurde damit zum Statussymbol. Sonnenschirme, Hüte und Handschuhe halfen dabei, ihn zu bewahren.
Dann änderten sich Lebens- und Arbeitswelt – und innerhalb erstaunlich kurzer Zeit auch die Bedeutung der Bräune. Sport, Freizeitkultur, Reisen und Sonnenbaden gewannen an Bedeutung. In den 1920er-Jahren wurde der sonnengeküsste Teint modern; Coco Chanel wird mit seiner Popularisierung eng verbunden. Innerhalb weniger Jahrzehnte hatte sich ein Schönheitsideal beinahe komplett umgedreht.
Auch die gesellschaftliche Botschaft wurde nun eine andere. Blässe bedeutete nicht mehr automatisch, dass jemand nicht arbeiten musste. In einer zunehmend industrialisierten Welt arbeiteten immer mehr Menschen drinnen. Braune Haut konnte nun etwas anderes erzählen: Ich bin draußen. Ich treibe Sport. Ich habe Freizeit. Ich kann verreisen.
Die Sonnenbräune wurde zum sichtbaren Souvenir.
Wer dafür weder Zeit noch Sonne hatte, konnte allerdings nachhelfen.
Und an dieser Stelle verlassen wir streng genommen die Farbe Braun und kehren noch einmal kurz zu Orange zurück.
Wer in den 1970er-, 80er- oder 90er-Jahren Selbstbräuner ausprobiert hat, weiß vermutlich, warum. Der Wunsch und die Vorstellung waren ein gleichmäßiges, mediterranes Braun. Das Ergebnis war hingegen meist ein ganz anderes: orange Hände, orange Knie, verdächtige Streifen an den Beinen und Übergänge, bei denen spätestens am nächsten Morgen klar war, dass hier nicht die Sonne gearbeitet hatte.
Das Solarium perfektionierte die Sache auf seine eigene Art. Zeitweise konnte man Menschen ansehen, dass sie „gesund gebräunt“ sein wollten – und dabei einen Farbton erreicht hatten, den die Natur für menschliche Haut eher nicht vorgesehen hatte.
Braun war das Ziel. Orange meist das Ergebnis.
Die Farbe Orange kann sich damit trösten, dass wir ihr dieses Kapitel im Rahmen dieser Farbserie nicht auch noch zugemutet haben.

Was wäre die Welt ohne Braun?
Trotz all dieser Widersprüche bleibt Braun eine der selbstverständlichsten Farben unseres Lebens.
Es altert mit uns. Holz dunkelt nach, Leder bekommt Patina, Papier vergilbt und alte Fotografien erhalten jene Sepia- und Brauntöne, die wir inzwischen geradezu als visuelle Abkürzung für Vergangenheit lesen. Auch alte Gemälde erschienen über lange Zeit oft brauner, als sie ursprünglich waren, weil Firnisse alterten, nachdunkelten und sich verfärbten. Bei Restaurierungen kam darunter mitunter eine wesentlich leuchtendere Farbigkeit zum Vorschein.
Braun macht Dinge alt. Braun lässt Dinge aber auch warm, vertraut und beständig erscheinen.
Darin liegt einer der schönsten Widersprüche dieser Farbe: Sie soll langweilig sein und erzählt gleichzeitig von Alter, Material, Gebrauch und Zeit.
Zurück zur Erde
Braun gehört zu den ältesten Farberfahrungen des Menschen. Erde war nicht nur Umgebung, sondern auch Farbmaterial. Ocker – eisenhaltige Erde und Gestein – gehört zu den ältesten Pigmenten, die Menschen nutzten. Lange bevor es Farbtuben, synthetische Pigmente oder auch nur einen Begriff für Braun gab, wurde Erde selbst zur Farbe.
Damit schließt sich der Kreis.
Braun ist nicht die Mutter aller Farben im farbtheoretischen Sinn. Andere Farben entstehen nicht aus Braun. Eher geschieht beim Mischen häufig das Gegenteil: Viele Farben führen irgendwann zu Braun.
Als Bild darf man Braun trotzdem eine Mutterfarbe nennen.
Denn Braun ist Erde. In ihr wurzeln die Pflanzen, aus denen Holz entsteht. Aus Pflanzenmaterial entstanden über ungeheure Zeiträume Kohle und damit schwarze Farbmittel. Mineralien und Erden lieferten einige der frühesten Pigmente, mit denen Menschen Farbe sichtbar machten. Auf diesem Boden wächst schließlich auch all das Grün, das uns Braun für einige Monate beinahe vergessen lässt.
Dann kommt der Herbst.
Das Grün zieht sich zurück, Blätter fallen, Pflanzen trocknen ein. Der Blick wandert wieder zum Stamm, zur Rinde, zu den Samen und zum Boden. Nicht alles verschwindet. Manches kehrt nur dorthin zurück, woher es gekommen ist.
Aus der Erde kommst du, zur Erde wirst du.
Braun ist nicht die Mutter aller Farben.
Aber es ist die Farbe der Erde, auf der sie alle stattfinden.



