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Jahreskreis-Feste

Martin, das Lichterfest und die Sache mit den Gänsen

Alle Jahre wieder das gleiche Geschnatter: Martini, das Fest der knusprigen Gänse – für die einen. Für alle mit Kindergartenkindern ist es auch das Fest der selbstgebastelten Laternen, die nun mit dem Kind an der Hand zum Martinsspiel in die Kirche getragen werden.

Beides sind Bräuche, die bei uns aktiv sind und deren Ursprünge älter als das Christentum sind.

Die Legende sagt, dass Martin nicht Bischof von Tours werden wollte. Auf der Flucht vor denen, die ihn gewählt hatten, versteckte er sich in einem Gänsestall.
Das das watschelige Federvieh dieses Eindringen in seine Privatsphäre nicht gern gesehen hat und entsprechend lautstark protestierte, hat man den armen Vögeln als Verrat ausgelegt. Angeblich einer der Gründe, warum zu Martins Heiligenfest so gerne Gänse geschnattert … pardon: schnabuliert werden.

Eine andere Version der Legende behauptet, eine Gänseschar sei während einer Predigt in die Kirche marschiert und habe Martin unterbrochen. Das Sakrileg der gefiederten Besucher wurde mit dem Aufessen der Gänse bestraft.

Beim Martinsspiel wiederum wird Martins Schlüsselszene der Heiligsprechung/Wandlung dargestellt: weil ein armer Bettler fror und Martin nur seinen Mantel mit hatte, teilte er diesen (den Mantel, nicht den Bettler) in zwei Hälften. So hatten beide etwas warmes und die Barmherzigkeit des gütigen Martin ihre bildliche Darstellung.

Beim Einzug in die Kirche tragen die Kinder Laternen und singen das alte Lied:

„Ich gehe mit meiner Laterne
und meine Laterne mit mir.
Dort oben leuchten die Sterne,
und unten da leuchten wir.

Mein Licht ist aus,
ich geh nach Haus,
Rabimmel, Rabammel, Rabumm …“

Es gibt noch weitere Strophen, hier findet ihr ein paar Beispiele dazu.

Soweit die allseits mehr oder weniger bekannten Tatsachen – aber was steckt dahinter?

Das Martinssingen

Ahnenwege2011 002 224x300 - Martin, das Lichterfest und die Sache mit den GänsenDas Lied hat ja nun rein inhaltlich nicht wirklich viel mit dem Gänsebischof zu tun, außer das es in der Zeit um seinen Namenstag gesungen wird.
Der Hintergrund ist weniger romantisch als vermutet. Es ist ein Mix aus mehreren Bräuchen, die teils spirituelle und teils praktische Wurzeln haben.

Der 10. November war früher der Tag, an dem die Saison der Knechte und Mägde, die nicht fix am Hof angestellt waren, zu Ende ging. Über den Winter mussten sie nun allein zurecht kommen, ohne Einkommen und nur mit dem, was sie hatten. Es wurde Brauch, die Kinder auszusenden (wer sich nun an Hänsel und Gretel erinnert fühlt: diese Ähnlichkeit ist rein zufällig ;-). Sie zogen an diesem Tag durch die Dörfer und bettelten bei den reicheren Bewohnern um Gaben. Nahrung, Kleidung, Geld – was sie bekamen. Diese war ein Grundstock, der dem armen Volk beim Überleben in der kalten Jahreszeit half.
Manchmal verkleideten sich die älteren Kinder auch, es wurden Lieder gesungen, Reime aufgesagt und wer sich nun an das vor kurzem stattgefunden Halloween erinnert fühlt: diese Ähnlichkeit ist nicht zufällig, die beiden Feste stehen durchaus im Zusammenhang.

Das Martinssingen ist eine „europäische“ Form das Halloween-Festes. Auch die Laternen, die herumgetragen werden, haben eine verwandte Bedeutung zu den Kerzen in den Rüben. Sie tragen das Licht der hellen Zeit in die kommende dunkle, erinnern an das Urfeuer, das nun im Inneren gehütet wird. Heute werden die Laternen meist im Kindergarten selbst gebastelt, früher wurden dazu große Rüben verwendet. Wer in meinem Samhain-Artikel nachliest, findet dort den Hinweis, dass die Rübenlaternen die Vorgänger der geschnitzten Kürbisse waren. Erst in Amerika, wo der Kürbis ja her kommt, wurde aus der Runkelrübe der Halloween-Kürbis.

Wie kam nun Martin zum Lichterfest des Winterbettelns?

Hier wurden im Lauf der Zeit zwei Martins zu einem vermischt. Zum Betteln aus Überlebensgründen, dem Zug der Kinder durch den Ort, als Erinnerung an die Seelen der Ahnen, wurde mit Ausbreitung der Reformation rund um Martin Luther ein religiöses Fest des Lichtbringens. Am Vorabend des Martinitages zogen (und ziehen) die Kinder mit ihren Lichtern durch die Orte und feierten den Lichterfreund des Glaubensmannes – Martin Luther. Zumindest war dies in den reformierten Ländern so.
Bei uns im katholischen Österreich hat es sich ähnlich zugetragen und im Lauf der Zeit wurde dieser ursprüngliche Samhain-Umzug zu einem fixen Bestandteil des christlichen Brauchtums. In manchen Gegenden ist es auch nach wie vor üblich den Kindern, die von Haus zu Haus ziehen, etwas zu geben. Auch um einem drohenden Scherz zu entgehen, der denen, die nichts geben wollen, gespielt wird.

Halloween und das Martinssingen sind demnach sehr enge Verwandte – um nicht zu sagen: zwei Namen für ein und dasselbe, im ursprünglichen Sinn.

Die knusprigen Gänse des Hlg. Martin

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Bild: Pixabay.com

Warum man die Gänse dem guten alten Martin so zuordnet hat einen praktischen Grund: zu Zeiten des Lehenswesens war am Martinstag die Lehnspflicht fällig, genannt Martinsschoß. Die Bezahlung wurde auch in Naturalien übergeben, Gänse waren ein wichtiger Teil davon. Anlässlich des Fests des Hlg. Martin wurde natürlich gefeiert und da kamen die frischen Gänse gerade recht um den Hauptgang zu schmücken.

Doch auch diese Tradition hat eine noch ältere Wurzel:

Die keltischen Gänse

Vor knapp 3.000 Jahre waren der Kühlschrank und die Gefriertruhe noch nicht erfunden. Die Vorratshaltung war somit ein großes Problem, sowohl für die Menschen, aber auch für deren Haus- und Hoftiere. Man konnte nicht alles Vieh über den Winter bringen, nur die stärkeren und für die kommende Aufzucht wichtigen Tiere bekamen eine Möglichkeit die kalte Jahreszeit zu überstehen.

Der Überschuss wurde geschlachtet und – siehe oben – mangels Aufbewahrungsmöglichkeit beim Samhainfest gegessen. Das war das letzte große Schmausen, bevor es in die kalte, dunkle und magere Jahreszeit ging.

Auch dieser Brauch wurde in die christlichen Zeiten übernommen. Mit Martini beginnt die vierzigtägige, vorweihnachtliche Fastenzeit, das Äquivalent zur Fastenzeit vor Ostern. Somit ist das Martinsfest, mit dem Gänseschmaus, der Gegenpol zum Aschermittwoch, wo vor dem großen Fasten noch einmal gut geschlemmt wird. Ein weiterer Hinweis auf diese Gemeinsamkeit: am 11.11. um 11:11 beginnt traditionell der Fasching.

Die mythischen Gänse

Über all dem Schmausen und der Knusprigkeit verliert sich der mythologische Hintergrund der Gänse. Sie waren für die Alten auch ein Mittler zwischen den Welten, dem Dieseits und dem Jenseits. Sie begleitete die Seelen auf ihrere Reise, in manchen Mythen sind sie auch zugleich diese Seelen der Ahnen.

Sie konnten die Grenze zur Anderswelt überschreiten und Botschaften überbringen. Mit ein Grund, sie bei den Jahreskreisfesten als Opfer zu verwenden. Im Tod überschreitet der Geist die Grenze und kann so, quasi zwischen den Türen, die Botschaften von der einen zur anderen Seite bringen.

Ein Gewürz, das auch heut nach wie vor als wichtig für jeden Gänsebraten gilt und auch in diesen Mythen verankert ist, ist …

Der Beifuß – Artemisia vulgaris

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© Kurt John (www.kraeuterkraftkreis.at)

Eines unserer ältesten Heil- und Ritualkräuter! Neben der in Gänsebratenzeiten fundamental wichtigen Eigenschaft, das Fett und den Braten bekömmlicher zu machen, wird das Kraut als Räuchermittel verwendet. Es sorgt für Schutz bei Ritualen und Übergängen, aber auch dafür, dass man leichter in Kontakt mit den anderen Wesenheiten kommt.
Die dem Wermut verwandte Pflanze beinhaltet den Wirkstoff Thujon, der Hellsichtigkeit und Visionen hervorrufen soll.

Beifuß wird auch als Mutter aller Kräuter bezeichnet  und kommt als Mugwurz (Mugwort) im uralten anglischen Kräutersegen vor.

Die praktischen Eigenschaften sind unter anderem auch ein Schutz gegen Ungeziefer, reales und übersinnliches – mit ein Grund, warum Haus und Hof intensiv ausgeräuchert wurde. Es ist eines der Wöchnerinnen- und Frauenkräuter, hilft bei Geburten, wurde aber auch als Begräbniskraut eingesetzt. Man hat steinzeitliche Gräber gefunden, mit dem Beifuß als Grabbeigabe, teilweise wurden die Toten darauf bestattet.

Weitere Infos zum Beifuß findet ihr hier.

Frohes Ganseln! …?

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Foto: Pixabay.com

Wer nun frohgemut dem kommenden Ganslessen entgegensieht, mit dem Hintergedanken, hier uraltes Brauchtum am Leben zu erhalten, der sollte bedenken, dass die heutigen Gänse selten aus der ursprünglichen Winternot heraus geschlachtet werden. Im Gegenteil, man züchtet sie extra für diesen Anlass und in den meisten Fällen kommen die Tiere aus grausamen Massentierzuchtanstalten. Dem guten Martin würde es da den Magen umdrehen und als Unterschlupf kommen diese Fabriken für den heiligen Mann mit Sicherheit auch nicht in Frage.

Wer sich dem alten Brauch respektvoll näher will, der sollte Wert darauf legen, dass sein Gänsebraten aus einer Züchtung kommt, wo die Tiere nachhaltig und biologisch aufgezogen werden. Ja, das ist teuerer. Aber es schmeckt auch besser und man sollte bedenken, dass man das, was die Tiere vor ihrem Ableben gegessen (gespritzt, gefüttert, eingeflößt bekommen) haben, ja mit isst. Es gibt genug Bio-Gänse und auch für VeganerInnen gibt es mittlerweile eine Martinslösung: die vegane Gans

In diesem Sinne: ein schönes Martinsfest – egal wie ihr es feiert! – und einen geruhsamen Übergang in die nun beginnende Fastenzeit … die uns auch in diesen modernen Zeiten sicher nicht schadet ;-)

6 Comments

  • Christina Schindler

    Toller Artikel :-)
    Ich finde es sehr schade, dass man in Deutschland überlegt diese alte Tradition aus Rücksicht auf Andersgläubige umzubenennen (Sonne, Mond und Sterne-Fest). Irgendwie geht für mich damit ein Teil unseres Kulturgutes verloren, auch wenn nur der Name geändert wird. Für mich ist es nicht mehr so ganz das selbe.

    • Michaela Schara

      Hallo und danke für dein Feedback!
      Das mit dem Umbenennen ist meiner Meinung nach eine missglückende Form alles über einen Kamm scheren zu wollen, es alle recht zu machen – ungeachtet der Tatsache, wie etwas gewachsen und in der Kultur verankert ist. Andererseites hat auch das Martinsfest eine starke Wandlung vom Ahnen-Opferfest zu Samhain, über die Auszahlung der Arbeiter und das Begleichen der Lehen bis hin zum heutigen Laternen & Gänsebratenfest erfahren.
      Mal sehen, wo und wie sich dieses Fest in ein paar Jahrzehnten darstellt!

  • Doris

    Ein hochinteressanter Post, vielen Dank für ein gehaltvolles Leseerlebnis. Ich wusste nicht, was dem Martinszug im Einzelnen zugrunde liegt. Das mit den Rüben gab es bei uns im Dorf nicht, aber eine Freundin von ein paar Dörfern weiter erzählte mir vor Jahren, dass bei ihnen traditionell ausgehöhlte Rüben als Laternen verwendet wurden. Wir hatten aber die Tradition, dass die Kinder, die das Martinsfeuer bestückt hatten, von Haus zu Haus gingen. Zum Martinsfeuer gab (und gibt es immer noch – da, wo es überhaupt noch ein Martinsfeuer gibt …) es Brezeln. Heute ziehen in meinem alten Dorf die Halloween-Kids durch die Gegend und stehen Kürbisse rum. Ich habe Halloween 1987 in den USA kennengelernt, da hatte in Deutschland noch keiner eine Ahnung, was das denn nun wieder ist. Schade, dass wir unsere eigenen Traditionen so leichtfertig aufgeben für eine Geldmaschine, die Eltern und Kindern eigentlich nur die Kohle aus den Taschen zieht.

    • Michaela Schara

      Ich danke dir für deine wertvollen Ergänzungen aus dem „echten“ Brauchtumsleben und freu mich, dass dir der Beitrag neue Infos gebracht hat! Schön zu hören, dass die Traditionen zumindest noch in Teilen bekannt sind und regional gelebt werden :)

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