Wie kann ich mein Schwert (und anderes) ins Jenseits mitnehmen? – Blogaktion im Totenhemd-Blog

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Petra Schuseil und Annegret Zander vom Totenhemd-Blog haben für November zu einer wunderbaren Blogaktion geladen. Titel der Themen: Welches ist Deine heimlichste Frage?
Man konnte sich vorab für ein Thema anmelden, dass dann an einem bestimmten Tag im November online geht. Hier gehts zur Übersicht Wer schreibt wann?

Ich habe mich spontan entschlossen mitzumachen. Ihr könnt meinen Beitrag entweder hier lesen oder direkt im Totenhemd-Blog, wo es auch ganz viele weitere und sehr tolle Beiträge gibt!

Wie kann ich mein Schwert (und anderes) ins Jenseits mitnehmen?

Das letzte Hemd hat keine Taschen”, sagt man hier bei uns, im Osten Österreichs, und meint damit das Totenhemd, das in seiner Ausführung sehr schlicht gehalten war, ohne Taschen, ohne Abnäher, ohne große Besonderheiten. Die Passform war fürs schöne Liegen optimiert und bequem musste es ja nicht mehr sein. Hauptsache es kniff nicht an den Stellen, wo man auch im Leben nicht beengt sein wollte.

Die Sache mit den fehlenden Taschen ist also eine rein praktische, der Spruch bezieht sich aber darauf, dass man im Leben nicht zu geizig sein soll weder zu sich, noch zu anderen. Man kann sich sein Zeug ja nicht mitnehmen … sagt man. Was aber, wenn man das dennoch will?

Auch wenn ich es rational nicht erklären kann, es gibt da einige Gegenstände, die ich nicht zurücklassen mag. Ich gebe zu, dass könnte schon etwas schwierig werden. Aber ich weiß, dass es schon andere versucht haben. Ob es gelungen ist, weiß ich nicht. Einen Versuch ist es aber wert, denke ich.

Mein Schwert zum Beispiel, das hätte ich gern bei mir, wenn es dann mal ins Jenseitige geht. Meine Trommel bitte auch. Vielleicht noch das eine oder andere Schmuckstück, das zwar keinen realen, aber eine hohen ideellen Wert für mich hat und mir im Lauf der Jahre lieb geworden ist.

Bei den Schmuckstücken sollte es kein Problem sein, die sind in unseren Breiten auch zu modernen Zeiten als letztendliches Reiseutensil akzeptiert, werden quasi als Körpererweiterung gesehen und selten diskutiert.

Aber wie nimmt frau ihr Schwert und ihre Trommel mit? Es ist ja nicht nur eine Frage des zur Verfügung stehenden Raumes, der sehr begrenzt ist, auch wenn der Sarg groß gestaltet sein sollte.

Ich vermute, dass vor vielen tausend Jahren andere schon mal solche krausen, Jenseits-Reise-organisatorischen Gedanken hatten und in weiterer Folge der Brauch der Grabbeigaben eingeführt wurde. Ein Brauch, der sich durch alle Kulturen der Welt zieht und in abgeschwächter Form bis heute vollzogen wird. Heute sind es bei uns Blumen und andere Pflanzen, die den Verstorbenen auf dem Weg mitgegeben werden. Gedacht als letzter Gruß, aber dennoch sind es Grabbeigaben, nur eben in anderer Form als in früheren Zeiten.

Wer schon einmal von Hügelgräbern gehört hat, der hat ex aequo sicher auch davon gehört, dass darin kleine bis große Schätze zu finden sind, die die Gier von Grabräubern weck(t)en und solcherart dafür sorgten, dass der Schutz des Grabes oft nur ein vorübergehender war und ist. Um an die Besitztümer der Toten zu kommen, überwand man schon vor tausenden Jahren die Furcht vor Flüchen, Gespenstern und schrecklichsten Strafen, die Grabräubern drohten.

Wobei die Strafen für das Vergehen, also das Bestehlen der Toten und der Störung ihrer Ruhe, in dem Maß abnahm, als das Alter der Grabstätte zunahm. Je älter das Grab, umso geringer die Gefahr, dass man für den Raub von einer weltlichen Gerichtsbarkeit belangt wurde.

Wie es mit der jenseitigen Rache aussah (aussieht?) und was die Wirksamkeit der Flüche und die Angst vor den Toten selbst betraf, ist eine andere Geschichte, die durch gruselige Erzählungen bis hin zu diversen Filme und Geschichten bis heute Nahrung findet.

Wenn man sich mit Archäologen unterhält, deren Interessensgebiet im Bereich der menschlichen Frühgeschichte liegt, dann bekommt man einen interessanten Einblick auf den Erwerb unseres Wissens, was die uns bekannten und erforschten Kulturen betrifft.

Für die archäologische Erforschung rund um die frühesten Zeiten menschlicher Kultur, sind nämlich friedliche Perioden ein Nachteil. Die meisten Erkenntnisse über ein Volk gewinnt man, wenn man in dessen Abfallgruben und Hinterlassenschaften gräbt. Da man aber früher sehr umsichtig mit den Ressourcen umging (nicht aus Umweltschutzgründen, sondern primär aus der Not heraus), wurde wirklich nur das weggeschmissen, was absolut nicht mehr verwendbar war und auch nicht zur Wärmegewinnung verbrannt werden konnte. Die Abfallgruben waren daher eher dürftig bzw. mit organischem Material bestückt.

Wurde aber eine Stadt, ein Dorf, ein Haus, ein Stamm … überfallen, seine Bewohner massakriert und der Platz quasi platt gemacht, oder – wie in Pompei – durch eine Naturkatastrophe “versiegelt”, dann wurde damit ein Stempel des aktuellen Zustands in den Boden geprägt. Das klingt makaber und grausam, ist aber eine nüchterne Tatsache. So finden sich an solchen alten Siedlungsplätzen dann ad hoc Einblick in diese Gemeinschaft, dazu große Mengen von Rückständen des täglichen Lebens, Gebrauchsgegenstände und anderes.

Die kriegerischen Auseinandersetzungen früherer Zeiten haben also dafür gesorgt, dass wir heute mehr über unsere Vorfahren wissen.
Eine weitere archäologische Wissensquelle sind natürlich und in sehr großem Maße Grabstätten und alles, was dazu gehört. Die Art und Weise wie eine Kultur mit ihren Toten umgeht, sagt schon mal viel über die Kultur selbst aus.

Unversehrte Gräber sind, wie aus oben genannten Gründen, leider selten. Aber dann und wann – man denke nur das Grab des Tutenchamun – passiert es doch und man findet eine unberührte, alte Grabstätte. Und in manchen, die zum Beispiel aus keltischer Zeit stammen, hat man darin sehr interessante Fundstücke entdeckt. Weniger das, was es war, als vielmehr in welchem Zustand diese Fundstücke ins Grab mitgegeben wurden.

Sie waren tot – die Keramiken zerbrochen, aber nicht (nur) durch das Einstürzen einer Überdachung, sondern bewusst, aktiv zerstört. “Zerscherbt” ist der korrekte Ausdruck dafür. Die wenigen Waffen, die in solchen Gräbern gefunden wurden, waren gleichfalls “hinüber” – kaputt gemacht, damit sie die Toten auf ihrer Reise ins Jenseits begleiten konnten.

War das bei Keramiken noch relativ einfach, konnte ein gutes Schwert aus norischem Eisen da schon einigen Widerstand bieten. Die Kelten waren und sind berühmt für ihre Fähigkeit der Eisenverarbeitung. Das war letztendlich auch der Grund für ihren Erfolg in damaliger Zeit und den Beginn der Eisenzeit. Ein keltisches Schwert wurde mit Gold aufgewogen und so manche Siedlung oder der Grabhügel eines keltischen Kriegers war nicht zuletzt deshalb das Ziel für einen Raubzug.

Neben dem realen Wert hatten diese Waffen natürlich auch einen hohen ideellen Status und nicht wenige hatten auch eigene Namen – man kennt das auch aus jüngeren Zeiten. Schwerter waren keine reinen Gebrauchsgegenstände, die zwar wertvoll, aber doch eher austauschbar waren. Sie begleiteten die Krieger im Leben, waren als deren Gefährten ein Teil dieses Lebens und viele gingen mit ihnen in den Tod. Das konnten sie aber nur, indem sie gleichfalls starben. Verbrennen reichte da nicht aus, es brauchte auch eine bewusste, mechanische Handlung, mit hoher Kraft. Und so findet man immer wieder verbogene und verdrehte (Kelten)Schwerter.

Der Gedanke dahinter ist irgendwie logisch: Nur etwas Totes kann den Toten begleiten. Da man damals mehr als heute der Ansicht war, dass alles beseelt ist, musste man diese Seele aus dem Körper befreien, damit sie mitwandern konnte. Die Fahrkarte ins Jenseits gilt nur unter bestimmten Bedingungen und eine davon setzt das Sterben voraus.

Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie erfolgreich diese Taktik war (und ist?). Man findet den dahinter stehenden Grundgedanken aber weltweit und manche sind dabei wesentlich grausamer vorgegangen. Da wurden dann auch Menschen und Tiere mitgeopfert, damit der Tote im Jenseits Gesellschaft, Wächter oder Bedienstete hatte.

Die Geschichte mit den toten Schwertern ist mir persönlich vor ein paar Jahren begegnet. Ich gestehe, dass ich nicht weiß, wie verbreitet dieser Brauch war und ich bin sicher, dass da auch unter Archäologen noch intensiv diskutiert wird.

Es ist aber für mich ein stimmiger Denkansatz und wenn ich dann und wann darüber grüble, was ich denn im Fall des Falles gerne so mitnehmen möchte, betrachte ich sinnierend mein an der Wand hängendes Schwert und überlege, ob es sich lohnt.

So schlimm kanns Jenseits ja ned sein – es ist noch keiner zurückgekommen und hat sich beschwert”, ist ein weiterer Spruch bei uns. Aber keiner sagt, was man drüben (wo auch immer das ist) so braucht und ob die alten Kelten dort grinsend, sonnigen Rotwein aus römischen Amphoren süffelnd, mit ihrem Schwert auf den Knien sitzen und die Unausgerüsteten ob ihres mangelnden Weitblicks herablassend belächeln.

Mein Schwert habe ich vor Jahren von einer lieben Freundin überantwortet bekommen und natürlich könnte ich es auch so an wen anderen weitergeben. Aber ehrlich gesagt reizt es mich schon sehr, es mitzunehmen und meine Trommel auch. Letztere kann mit mir verbrannt werden. Für ersteres aber braucht es einen oder eine, die kräftig genug ist, den notwendigen Zustand für die Reise herzustellen.

Ein Vorteil vom Sterben ist der, dass man selten vorher weiß, wann es passieren wird. Das ist eventuell auch ein Nachteil, aber man soll ja immer positiv denken. Insofern gehe ich davon aus, dass ich mir noch einige Zeit Gedanken über meine Packliste machen kann, ehe es schlussendlich soweit ist.

Und vielleicht finde ich ja noch eine andere Theorie, die mir schlüssiger erscheint. Bis dahin aber gilt die keltische Version in meinem persönlichen Universum und wenn mich wer fragt, wie man trotz fehlender Taschen am letzten Hemd, ein paar Dinge mit hinüber schmuggeln kann, dann kommt als Antwort: “Mitbringsel sind nur im toten Zustand erlaubt und möglich.


Weitere Artikel mit Antworten auf die geheimen Fragen rund um den Tod gibt es hier.
Vielen Dank an Petra und Annegret für diese schöne Blog-Idee!

6 Kommentare

  1. Danke Michaela für diesen wirklich lesenswerten, wunderbaren Beitrag, den ich mit Vergnügen gelesen habe.
    Sehr originell find ich auch die Zeichnung als Aufmacher.
    Würde mich freuen, noch mehr von Dir zu lesen.

    • Ich danke Dir, liebe Chantal, für dein tolles Feedback und freu mich sehr, dass dir mein Text und das Bild gefallen! Mehr zum Lesen von mir gibt´s hier und auf meinem Marketing & WWW-Blog midesign.at … und im kommenden Jahr dann auch wieder auf meinem privaten Blog (schara.at). Herzliche Grüße aus den herbstlichen Bergen!

  2. Hallo Michaela,
    danke dir sehr, dass du auf diese Weis an unserer Totenhemd-Blogaktion mitgemacht hast! Ich liebe deine Karrikatur! Das mit den gestorbenen Schwertern war mir völlig neu. Sehr interessant! Auf einer Friedhofführung kürzlich wurde ich aufgeklärt, dass es ok sei, Metall mit ins Grab zu nehmen. Schwierig wäre es, wenn dein Schwert aus Plastik gewesen wäre ;-). Metall sei verrottbar. Na, dann!
    Als Petra und ich zum Fototermin für die Ausstellung „Im letzten Hemd“ vom Bestattungsinstitut Pütz-Roth waren (wird ab April nächsten Jahres gezeigt), wurden wir eingeladen, neben dem gewählten letzten Hemd auch Grabbeigaben mitzubringen. Sehr schön: ich erinnere einen Fußball und eine Kaffeetasse. (Am Sonntag sehe ich endlich alle Fotos). Ich selbst habe meinen Bleistift und ein Zeichenbuch mitgebracht. Das fand ich als Essenz überraschend und für mich schön.
    Wenn dermaleinst die Grabräuber in unseren Gräbern herumwühlen, werden sie sehr verwundert sein…
    Vielen Dank fürs Mitmachen!
    Annegret

    • Hallo Annegret, Danke für dein nettes Feedback und deine Freude über meine Karrikatur! :)
      Ich hab mich meinerseits sehr gefreut, bei eurer tollen Aktion dabei zu sein und mir ein paar Gedanken zu einem Thema zu machen, das über kurz oder lang jeden betrifft.
      Danke auch für den Hinweis, dass mein Schwert als Reisebegleitung grundsätzlich ok geht! An diese bürokratische Hürde hab ich gar nicht gedacht, gut zu wissen.
      Ja, ich finds auch spannend, was man so in 2-3000 Jahren aus dem lesen wird, was wir hinterlassen haben. Wenn dann die Abfallgruben und Gräber nach wie vor die wichtigsten Infogeber über eine Gesellschaft sind, dann schreiben wir mit unserem Müll gerade eine sehr interessante Geschichte.
      Zeichenbuch und Bleistift find ich übrigens sehr genial! Kann man immer brauchen, egal wo ;)
      Herzliche Grüße und ich hoffe, ihr macht so eine Aktion wieder,
      Michaela

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