TotenTratsch

TotenTratsch

„Apfelstrudel, der muss unbedingt auf den Tisch … und Kaffee sowieso, waren ja alle Kaffeetrinker … und Opa will sicher Jolly spielen, also die Karten herrichten … ob ich Blumen auf den Tisch stelle? Abgeschnittene Pflanzen in Vasen mögen wir irgendwie alle nicht so … Aber Kerzen! Kerzen brauchts … nur Mama mag … falsch, mochte kein offenes Feuer …“

Totentage, Novemberzeit – und eine neue Blogaktion im Totenhemd-Blog, die mich diesmal auf eine ganz besondere Art berührt. Titel:  Ich hab mit den Toten getanzt. Was, wenn alles möglich wäre und man seine verstorbenen Lieben einladen kann, zu einem Tanz oder, wie ich es mir wünschen würde, zu einem Tratsch mit Jause?

Im ersten Moment dachte ich, dass mir da ganz viel dazu einfallen würde. Doch dann, im Detail, war da nur ein blankes Brett vorm Kopf – was würde ich tun, reden, wissen wollen, wenn ich sie alle nochmal hier hätte und fragen könnte?

Ich schob das Projekt zur Seite und beschloss, mich dem Thema in kleinen Schritten zu nähern. Vielleicht lags daran, dass mir dieses Jahr nicht nur eine sehr intensive und körperlich anstrengende Heilzeit verdonnert hatte, inklusive dreier OPs. Sondern zusätzlich begleitete ich im Mai meine Mutter auf ihrem letzten Weg. Eine Hirnblutung und neun Tage später … ich heul noch immer los, wenn ich daran denke. Wissend, dass es ihr nun besser geht. Aber die Trauer bleibt bei mir und wird noch einige Zeit meinen Weg mit mir gehen.

Und dann dieses Thema und die Herausforderung, sich dem anders zu stellen. Uff. Erstmal ein paar Waldspaziergänge, Hundebeknuddelungen, Kopfentleerungen und vielleicht putz ich noch das Klo … Aufschieberitis at its best.

Langsam tauchten dann greifbare Ideen und Gedanken auf: “Fragen könnt ich sie ja. All das, was ich sie nimmer fragen konnte und wo ich bis heute wissen will, wie das war, wie das geht, warum das so gewesen ist …” Und dass das Thema Kaffeejause kein besonders gutes ist. Da gabs bei einigen eine Aversion dagegen, weil das die anderen gerne als Scherbengericht inszenierten. “Einen Tratsch, einfach miteinander ratschen,reden, plauschen und zsammsitzen – ist zwar das gleiche, aber doch was anderes. Genau, ich lade sie zu einem Toten-Tratsch ein!

So ein Tratsch, der keine Jause ist, aber doch auch irgendwie schon, braucht einiges an Vorbereitungen. Was soll man auf den Tisch stellen? Wie die Deko? Wann die Einladungen rausgeben? Wer sitzt neben wem? Und überhaupt: wen lad ich ein?

Apfelstrudel – Der muss sein. Vor allem auch, weil den meine Großtante so gut konnte und ich ihn Jahre nach ihrem Tod gelernt habe selbst zu fabrizieren. Ob er ihrem kritischen Gaumen standhalten wird? Und bei der Gelegenheit könnte ich sie auch gleich nach dem Rezept ihrer genialen, Leben und Seelen rettenden Gemüsesuppe befragen. Und vielleicht auch noch ihr kalorientonnenschwere Festtagstorte auftischen. Da gabs zwar immer schon im Vorfeld Uffs und Ächz, weil trölfmilliarden Kalorien im Anschluss zu verdauen waren – aber der Geschmack! Himmlisch!

Kaffee – Natürlich, ohne dem geht das Tratschen, Ratschen, Reden und Zuhören gar nicht. Und klar, ein g´scheiter muss es sein, aus der Espressokanne. Aber nicht zu stark, zwegen dem “Herzerlbumpern”, wo mein Opa immer maulte. Er mochte ihn ohnehin lieber mit viel Milch. Und ich muss Oma und Opa beim Kaffeetrinken so setzen, dass sie sich nicht direkt anschauen. Denn Opa bröselt sich gern seinen Striezel in den Milchkaffee und Oma hat sich darüber immer echauffiert.

Meine Mama braucht ihren Kaffee dafür mittelstark, ohne Milch, mit Süßstoff. Oder ist das nun egal und sie kann ihn endlich relaxed, cholesterinbedenkenbefreit, mit viel Schlagobers (Sahne) und drei Löffel Zucker genießen?

Kerzen – Aber unbedingt in einer geschlossenen Vorrichtung. Feuerängstlich waren sie ja alle. Vermutlich durch die Geschichte und die damaligen Vorgaben geprägt. Offene Flammen wurden nur beim Gasherd akzeptiert und da wurde beim Fortgehen zigmal nachgeschaut, ob der eh abgedreht ist. Aber ohne Kerzen mag ich nicht, die brauch ich und überhaupt: Stimmung!

Spitzendeckerl – Und zwar die alten, aus der Familiensammlung, zu der ich selbst noch nichts beigetragen habe. Weil ich soviele habe, dass auch meine Urenkel noch was davon haben werden. Das kunstfertige Stricken und Häkeln war fast sowas wie eine innerfamiliäre Wettkampfdisziplin. Und uneingeschränkte Siegerin im Handarbeitswettstreit war und ist meine Oma. Noch mit gut 99 und fast blind hat sie Handarbeiten produziert. Ihre gehäkelten Vorhänge, so fein, mit Mustern in allen Variationen, hängen abwechselnd in meinem Badezimmer. Ein nostalgischer Sichtschutz mit liebevollem Erinnerungswert.

Beim Ausräumen und Wegsortieren habe ich dieser Tage erst wieder dicke Socken, mit nachgestrickter Ferse gefunden. Weil weggeworfen wurde nix, so gut wie alles wurde repariert. Und so hab ich braune Socken, mit kreischbunter Ferse in zwei Materialien in der Lade entdeckt. Die könnt ich eigentlich anziehen …

Kaffeeservice – Das wird heikel, denn welches nehm ich? Das von der Tante Mischy, das von meiner Oma, eines von meiner Mutter …? Am besten das von meiner Hochzeit, da haben sie alle dazu gezahlt und niemand kann sich zurückgesetzt fühlen.

Likör – Nicht, dass den wer trinken würde, zumindest nicht offiziell und nicht gleich zu Beginn. Aber er gehört dazu. Schon allein, damit irgendwer den Busch Spruch “Es ist ein Brauch von Alters her: Wer Sorgen hat, hat auch Likör” loslassen kann. Gesüffelt wird dann im Anschluss und immer nur aus rein medizinischen Verdauungsgründen und weils irgendwo immer kalt ist. Und klar, der muss hausgemacht sein, damit man darüber schwadronieren kann, dass früher alles besser, gschmackiger, üppiger und was-weiß-ich-noch war.

Omas berühmt-berüchtigter Nussschnapps ist leider schon lange aus. Der konnte alles reparieren, was man sich magen- und lebenstechnisch zugezogen hat. Entweder hat er einem den Magen, die Seele, das Leben eingerenkt oder dafür gesorgt, dass man sich von sämtlichem Übel ruckzuck befreit hat. Stark und intensiv und so massiv, dass ich ihm auch zugetraut habe, die Toten wieder aufwecken zu können.

Leider, das letzte Stamperl wurde schon vor Jahren im Anschluss an ein überschweres Ganslessen geopfert. Und auch mit dem Originalrezept könnte man ihn nicht nachbrauen. Denn man bräuchte Omas “dopplbrenntn Zwetschbamanan” – ihr zweimal gebrannter Zwetschkenschnapps, für den sie landauf, landab berühmt war. Ein Schluck und man hat es entweder final hinter sich, oder wird dem Leben wieder gegeben. Beides in einem Zuge eine mehr als nur spirituelle Erfahrung.

Servietten – Müssen sein, auch wenn sie mit Sicherheit von allen als “warat ned notwendig”, als exklusiver Firlefanz abgetan werden. Aber das gehört sich so, weil das ist eine Art Ehrung und ich weiß mit Sicherheit, dass Opa seine und die der anderen wieder mehr oder weniger heimlich einsammeln, sorgsam falten und verschmitzt grinsend einstecken wird. Weil man das ja mehrmals verwenden kann und sowas auch immer braucht, für irgendwas. Und vermutlich auch, weil es Oma wahnsinnig macht, auf liebevolle Art und Weise.

Seelenstriezel – der muss sowieso sein, ohne gehts ja gar nicht. Ist hierorts und rundum Brauch: Ein feiner Striezel, nach einem ganz besonderen Rezept, fast wie ein Weißbrot, aber viel weicher und süßer. Der wird in Scheiben geschnitten und mit Butter gegessen. Den gibt es bei jedem Begräbnis im Anschluss an das Totenmahlerl. Ein sanfter, weißer Striezel, der sich tröstend und heilend auf alles legt, was so auftaucht, weh tun könnte und besänftigt werden muss.

Sitzordnung – Unbedingt notwendig!!! Weil da so gewisse Ressentiments zwischen den Familienclans herrsch(t)en. Und ganz wichtig: Sie muss so subtil sein, dass man sie nicht als Sitzordnung erkennt. Oma und Opa ja weit weg von Tante Lintschi. Was den Opa zwar nicht freuen, aber den Ehefrieden zwischen ihm und Oma bewahren hilft (und vielleicht frag ich bei der Gelegenheit dann gleich mal zart nach, was denn da damals war, dass das dann so gekommen ist? Und ob sie das nun eh bereinigt haben). Und neben Opa meine Mutter, weil sie ihren Schwiegervater gern hatte, aber die Beziehung zur Schwiegermutter dann doch eine andere war. Und an ihrer Seite kann ich die Lintschi-Tant platzieren – sie mochten sich sehr, auch wenn sie es sich nie so zugestanden haben. Die Mischy-Tant muss ich dann wohl daneben setzen. Wenn sie überhaupt kommt, denn sie war (und ist?) sehr zugempfindlich und auf ihre Gesundheit bedacht. Jede Menge hypochondrischer Wehwehchen haben Zeit ihres Lebens dafür gesorgt, dass Arzt und Apotheker gut verdient haben. Geschluckt hat sie das Zeug aber kaum bis nie. Drüber reden und horten hat gereicht.

Einheizen – Warm muss es sein, das ist ein großer gemeinsamer Nenner bei allen meinen lieben Toten. Opa hat immer erst die Heizung angegriffen, eh er gewusst hat, ob es (vulgo ihm) kalt ist, oder nicht. Also werd ich den Kamin anheizen, wo man durch die Scheibe das Feuer sieht … und die Zentralheizung abdrehen, weil sonst wirds eine Sauna draus.

Einmal begonnen wanderten unzählige Ideen und Gedanken herbei und noch mehr Erinnerungen und Überlegungen:

Soll ich auch die einladen, die ich nicht mehr oder kaum gekannt habe? Die anderen Großeltern? … oder gibt es dann Streit? Meine Urgroßmutter mütterlicherseits hätt ich gerne kennengelernt. Von ihr haben ich einiges gehört, sie soll eine sehr toughe und fesche Frau gewesen sein. Und meine Urgroßeltern väterlicherseits, plus deren andere Kinder – von denen habe ich unlängst ein Foto gefunden. Eine sepiafarbene Aufnahme, dich mich sehr berührt hat. Man sieht den Schalk in den Augen meiner Oma blitzen und dass sie diesen Blick von ihrem Vater hat, der klein und fast zierlich neben seiner stattlichen Frau sitzt.

Und natürlich den “Heeeeinrich”, den Mann von der Lintschi-Tant, der den Russlandfeldzug nicht überlebt hat. Aber als Geist bis zum Tod meiner Großtante mit ihr im dritten Bezirk, in der gemeinsam eingerichteten Wohnung, lebte. Inklusive Türschild mit seinem Namen.

Und meinen Bruder, der muss natürlich auch kommen – unbedingt. Ich brauche schließlich hilfreiche Verstärkung, wenn die ganze Familie da ist. Er konnte speziell mit den Großeltern und den Tanten gut umgehen. Da hat er seinen Charme wirken lassen. Ich glaub, ich setz ihn zwischen Myschi und Oma – da sind alle glücklich, können ihn sehen und mit ihm reden.

Mein Schwiegervater muss auch kommen, den will ich auch wiedersehen und mich mal in Ruhe mit ihm unterhalten. Und unsere Katzen und Kater – alle. Die haben immer zur Familie gehört und ohne die kann ich mir so einen Toten-Tratsch nicht vorstellen. Mucki – der erste, Tiger, Bärli, Max und Moritz, Lizza und natürlich Sloopy … unser letzter Kater, der flauschige Teddybär.

Ja, und wenn ich dann alle da sitzen hab, Sloppy auf meinem Schoß, Tee vor mir, Kuchen am Tisch und meine Tränen von der Begrüßung endlich versiegt sind, ich sie alle klar vor mir sehe … dann werden mir die richtigen Fragen schon noch einfallen, die ich ihnen stellen werde. Und ich freu mich auf die Geschichten, die sie mir mitbringen werden … auf die Geschichten, die zu meiner Geschichte gehören. So wie sie zu mir gehören und ich zu ihnen.

Ich freu mich drauf …

… und geh jetzt den Apfelstrudel backen.

6 Kommentare

  1. Pingback: 27.11. Michaela Schara: TotenTratsch | Totenhemd-Blog

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  3. Liebe Michaela, ich wollte mich gleich dazu setzen. Und die Liebe, die durch den Magen geht/brennt kosten. Von mir auch ein „hach“.
    Hab auch gedacht, dass es gut wäre, einen Platz frei zuhalten, an der Tafel, für die Toten, unsere Lieben.
    Danke dir sehr für´s mitschreiben und zeichnen!
    Herzliche Grüße
    Annegret

    • Liebe Annegret,
      Vielen Dank für eure Idee und Organisation und ich freu mich sehr, dass dich meine kleine Geschichte so inspiriert hat!
      Der Brauch, einen Teller für die aufzustellen, die aus dem einen oder anderen Grund nicht da sein können, war und ist ja ein alter, der in manchen Gegenden noch immer gelebt wird. Ich finde ihn schön und gerade jetzt, in dieser Zeit, sehr stimmig.
      Alles Liebe und Slainté – auf Dich und die Deinen,
      MiA

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