Zwischen Winterschlaf und Klarheit

Warum der Jänner kein Planungsmonat sein muss 

Ein Spaziergang über eisige Felder, irgendwann zwischen Mitte und Ende Jänner.
Unter den Füßen knirscht der Schnee. Manchmal trägt er, manchmal sinkt man ein. Die Luft ist bitterkalt, irgendwo zwischen –2 und –5 Grad. Aber immerhin: Die Sonne scheint, der Himmel ist klar und blau.

Würde unsere Hundemadame nicht auf ihrer täglichen Mittagsrunde bestehen, würde ich mich freiwillig kaum nach draußen bewegen. Und doch liebe ich diesen Anblick: das Glitzern der Sonne auf dem Schnee, den Rauhreif auf den Bäumen, diese kristallklare Winterluft, die dem Himmel eine fast überirdische Brillanz verleiht.
Ich mag den Winter. Die Kälte, das Eis, den Schnee. Dafür wurde Funktionskleidung erfunden – und für die tägliche Erinnerung daran bin ich unserer Hundemadame sehr dankbar.

Genauso schätze ich es aber, drinnen zu sein. Im Warmen. Auf der Couch. Dem Winter beim Wintern zuzuschauen.
In den kahlen Zweigen hüpfen aufgeplusterte Vögel, dankbar für das Futter, das ich ihnen regelmäßig hinausstelle. Ansonsten ruht das Leben draußen – sichtbar, greifbar, selbstverständlich.

Was mir hingegen zunehmend schwerfällt, ist der Druck von außen. Vor allem jener, der über Social Media hereinschwappt.
Jetzt ist die Zeit der Jahresvisionen. Der Pläne. Der Ziele. Der Milestones. Der To-do-Listen fürs nächste halbe Jahr. Kurz: Der Aufforderung, endlich produktiv zu werden.

Ich bewundere Menschen, die mit dem Ende der Rauhnächte ihr Jahr bereits durchstrukturiert haben. Sie erinnern mich an Schneerosen – jene Pflanzen, die mitten im Winter zu blühen beginnen. Sie haben ihre Zeit. Und sie haben ihre Berechtigung.

Ich bin zu diesem Zeitpunkt noch tief im Wintermodus. Und das entspricht ziemlich genau dem, was draußen in der Natur passiert: Ruhen. Innehalten. In sich selbst ankern. Und ganz bewusst das tun, was wir oft abwertend als „nichts“ bezeichnen.
Wenn ich mich im Blumenreich verorten müsste, wäre ich eher eine Mischung aus Gänseblümchen und Pfingstrose. Die schlafen jetzt noch. Tief unter der vereisten Schneedecke. Im gefrorenen Boden. Bestenfalls träumen sie von der Blüte, mit der sie sich – und uns – in ein paar Monaten erfreuen werden.

Social Media erzeugt enormen Druck und geht dabei in den meisten Fällen erstaunlich weit am echten Leben vorbei. Es zeigt eine glattgebügelte Welt, in der Menschen scheinbar jederzeit funktionieren: fokussiert, motiviert, leistungsfähig. Schön anzusehen. Und kaum real.
Wir wissen das. Rational zumindest. Und doch wirkt es. Es triggert. Es aktiviert. Und es hinterlässt dieses leise, nagende Gefühl: Ich sollte eigentlich schon weiter sein …

Wenn dein Rhythmus ein anderer ist und du im Jänner müde, erschöpft oder leer bist, dann ist das kein Zeichen von Schwäche. Es zeigt nur, dass dein Körper und dein innerer Takt noch im Winter sind – und nicht in der Erwartungshaltung unserer Zeit.

Körper und Geist sind im Jänner noch im Wintermodus. Sie jetzt zu Höchstleistungen antreiben zu wollen, ist ungefähr so sinnvoll, wie ein Handy mit 2 % Akkustand anzuschreien, es möge sich bitte zusammenreißen und 120 % Leistung bringen.

Hör deinem Körper zu.
Gib ihm Ruhe. Nahrung. Schlaf. Frische Luft.
Und wenn du das Bedürfnis verspürst, dich auszurichten, dann beginne nicht mit Zielen – sondern mit Ehrlichkeit.
Finde Klarheit darüber, wie es dir gerade wirklich geht.

Manchmal ist selbst das schon genug. Oder sogar zu viel. Auch das darf sein.

In der Natur schläft im Außen noch alles. Vielleicht regt sich tief unten, in den unteren Bodenschichten oder im Inneren eines Baumes, bereits ein zarter Funke. Vielleicht aber auch nicht.
Das eigentliche Aktivwerden beginnt frühestens Ende Februar, oft erst im März.

Zu Lichtmess, Anfang Februar, geht es nicht ums Tun, sondern ums Wahrnehmen. Darum, anzuerkennen, dass das Licht messbar zurückkehrt. Mehr muss nicht sein.
Ein sanfter Kontakt mit diesem neuen Licht reicht völlig: ein kurzer Spaziergang, ein paar Minuten am Balkon, im Garten oder am offenen Fenster. Atmen. Schauen. Spüren. 
Damit informierst du deinen Körper über den natürlichen Rhythmus – leise, einfach und erstaunlich wirksam.

Und wenn dich die plakatierten Erfolge auf Instagram beschämen oder unter Druck setzen, dann erinnere dich daran:
Du hast die zehn dunkelsten Wochen des Jahres überstanden, die Zeit zwischen Mitte November und Mitte Jänner.

Vielleicht hast du dir in dieser Zeit Ruhe schenken können. Wahrscheinlicher ist, dass du funktioniert hast. Arbeit, Haushalt, Feiern, Organisieren. Und jetzt stehst du im Jänner da – mit der gesammelten Erschöpfung dieser Wochen.

Unser modernes Leben ignoriert den natürlichen Jahresrhythmus. Leistung zählt mehr als Regeneration. Mehr gilt als besser. Weniger als Schwäche.
Und doch ist Müdigkeit kein persönliches Versagen. Sie ist eine logische Folge.

Darum: Sei gnädig mit dir.
Verankere Pausen in deinem Alltag. Plane sie fix ein. Mach es dir bewusst gemütlich. Mit Tee, Buch, Couch, Kerzenschein und dem Blick nach draußen.

Und wenn du dennoch etwas tun möchtest, um diesem Jahr einen guten Start zu geben, dann halte es einfach:
Pflege ein tägliches Dankbarkeitsritual.
Notiere dir jeden Tag fünf Dinge, für die du dankbar bist – und eine Sache, die du neu gelernt oder erfahren hast. Mehr braucht es nicht.

So entsteht Klarheit. Still. Unaufgeregt. Von innen heraus.
Vielleicht wächst aus dieser Klarheit eine Vision, mit Sicherheit aber nährt es dich in dunklen Zeiten.

Und jetzt du:
Bist du noch im Wintermodus – oder schon im Planungsfieber?
Ich freue mich, wenn du deine Gedanken in den Kommentaren teilst!

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