Sommer-Viel-Oh!-Sophie: Veränderung, Verwirrung, Verbindlichkeit

Im Garten tobt der Sommer…

Sommervielohsophie3Die Rosen, vom späten Frost gezeichnet, liefern sich eine Wachstumsaufholjagd und kämpfen wacker gegen die Umgebungsvegetation – das sog. Unkraut.
Der Kirschbaum, spät wie immer, hat auch heuer wieder mehr Kirschen in peto, als die Amseln vertilgen wollen. Seine kirschige Majestät fruchtet seine dunkle Herzkirschen erst dann zur Reife, wenn alle anderen Kirschbäume in der Gegend schon „geworfen“ haben – und keiner mehr Kirschen sehen will. Aber so ist er nun mal und auch dafür lieb ich ihn.
Im Hochbeet habe ich gemeinsam mit den wenigen Gemüsepflanzen den Kampf gegen das Etwas, dass hier immer wieder Gruben graben will, scheinbar gewonnen. Der Rucola war der hilfreiche Joker, der schlussendlich gedroht hat alles zu überwuchern. In Kombination mit einem alten Zaungitter haben wir ein Bollwerk errichtet. Da geben auch nächtliche, unbekannte Grubengräber auf.

Sommervielohsophie2Ich sitze im Zentrum dieser grünen, nur oberflächlich gezähmten Wildnis. Der große Gartentisch steht zur Abwechslung mitten im Garten, unter den alten Bäumen. Denn auf der Terrasse steht ein Gerüst – die Fassade des Hauses wird nun endlich instand gesetzt (Hurra! Und es wird Schönbrunnerschlosshonigzaubergelb :-)

Der Gartenplatz ist gut gewählt, sehr inspirativ, mit sanfter Neigung zur Kontemplation, aus der mich das Hundemädchen regelmäßig herausholt.

Veränderung

Mitten drin, zwischen versuchter Ordnung, gezielter Betriebsamkeit und dieser wilden Ungezähmtheit namens Natur ist das Gedankensammeln und Reflektieren intensiv und leicht zugleich.
Der Sommer nähert sich dem Höhepunkt – sagt man. Die Sonnenwende ist in ein paar Tagen. Meine gefühlte Sommermitte ist immer etwas später im Jahr und beginnt meist kurz nach der Sonnenwende.
Das wird heuer nicht anders sein und doch wieder sehr. Denn über allem schwebt ein intensiver Glanz namens Veränderung. Noch ist nicht greifbar was sich ändert oder wie und wann und warum. Ich sitze mitten im Garten und fallweise verstehe, sehe ich es genau. Aber ein Augenzwinkern später ist es fort.

Evolution ist ein steter Prozess, alles verändert sich laufend und der Boden unter meinen Füßen ist seit Jahrmilliarden in Bewegung, wird es noch sein, lange nachdem ich nicht mehr bin. Das ist ok und gut so. Aber in letzter Zeit spürt es sich zusätzlich veränderlich an.
Ob diese Veränderung eine Fair-Änderung ist?

Sommervielohsophie7Die Sommersonnenwende habe ich immer als „Tanz auf der Nadelspitze“ empfunden: Der Versuch das Gleichgewicht zu halten, während man auf einer haarscharfen Spitze steht. Eine trügerische Ruhe, die beim kleinsten Gewitter kippt und aus Ordnung Chaos werden lässt.
Auf der einen Seite Kraft und Wachstum, das sich in den Reifeprozess wandeln will, immense Energie und Lebenslust. Auf der anderen Seite Gereiztheit und unterschwellige Aggression, die sich in Gewittern, Hagelstürmen und hirnverbrannten Diskussionen entlädt. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel ist von einer Minute zur anderen alles anders, die Stimmung schlägt ins Gegenteil um, das zarte Gleichgewicht kippt und gleich darauf ist es schon wieder auf der anderen Seite.

Wobei das mit dem „heiteren Himmel“, der den Blitz nicht ahnen lässt, so nicht stimmt. Man sieht sehr wohl die Zeichen, die dunklen Wolken, aber wahrhaben will man sie nicht immer.
Sich dieses Nadelspitzentanzes bewusst zu sein, ist eine Hilfe. Und auch, dass man nun nicht viel tun kann, ausser auf den richtigen Zeitpunkt zu warten, wo man das tut, was man tun muss.
Veränderungen beginnen früh zu keimen und lange sieht man sie nicht. Nun aber zeigen sie sich im Außen – unreif noch, aber schon kann man abschätzen, ob die Ernte gut wird oder … interessant. Gleichzeitig kann es sich noch komplett drehen und alles vernichten oder ihm eine andere Richtung geben.
Dieses Sommer-V ist immer wieder ein spannendes und wie es ausgeht sieht man erst im Herbst.

Verwirrtheit

Sommervielohsophie5Ein anders V, dass dieser Wochen stark im Raum steht, ist die Verwirrtheit, die sich immer wieder, immer öfter, immer stärker ausbreitet – so kommt es mir vor. Je mehr Informationen herumschwirren und verfügbar sind, desto verwirrter wird es.
Ich habe meinen Social Media Konsum einmal mehr stark eingeschränkt. Dieses intensive Sommernaturleben ist mir gerade genug an Info, mehr mag ich nicht verarbeiten müssen. Fernseher habe ich schon lange keinen mehr, auch das Radio darf nur dann und wann leise flüstern. Zeitungen sind wichtig, wir brauchen schließlich was zum Unterzünden für den Ofen. Sie zu lesen lass ich lieber aus. Wenns dringend ist, erreicht mich eine Info auch auf andere Weise. Wenn nicht, erspare ich mir graue Haare und wüste Gedanken.

Hast du das … gelesen/gehört/gesehen?!“ – „Wahnsinn was der/die/das schon wieder macht!!!“ – „Es gibt neue Erkenntnisse, hab ich da und dort und hier und da gelesen!“ – „Das musst du probieren, ist toootaaal neu, toll, super, gesund, angesagt!!!“ Usw.
Alles garniert mit viel Aufregung, fallweise aufrechter Empörung oder übereuphorischem Gehype.

Dir entgeht da was!“ – Nein, nicht wirklich. Ich erspare mir nur einen sinnlosen Information-Overflow. Denn nach maximal drei Tagen kreischt die Masse hinter anderen Themen her, der Wind hat sich gedreht und was vorgestern heftig-ultracool-megawitzig-angesagt war, sorgt heute für Verwirrung auf den Gesichtern, wen man danach fragt. Eine weitere News, die es nicht in die menschliche Hirn-Datenbank geschafft hat, aber beim Vorbeiziehen für ordentlich Stress gesorgt hat.

Kein Wunder, wenn dann die Infos, die vielleicht wichtig wären, untergehen. „Hast du meine Mail nicht bekommen?“ – „…äh, möglich, aber … die ist vielleicht untergegangen …?„, höre/lese ich dann, wenn ich nachfrage.
Ich habe üüüberall nachgeschaut, aber niiiirgends steht das…!„, bekomme ich auch oft zu lesen, weil einmal mehr eine*einer den hilfreichen Hinweis nicht am ersten Blick entdeckt hat. Und ernte großäugiges Erstaunen, wenn ich zart darauf hinweise, dass dieses Wissen seit langem da zu finden ist, wo es die Logik vermuten würde.

Die Verwirrtheit kichert sich eins, war wieder mal erfolgreich aktiv und marschiert munter weiter. Wenn das Meer an Informationen zu groß ist, dann ist es schwer den richtigen Strand zu finden.
Insofern genieße ich es, metaphorisch an Ufer (m)eines kleinen Baches zu sitzen. Das kühlt genauso, überfordert aber nicht so leicht und ich kann das Wesentliche, dass sich als lohnend präsentiert, leichter herausfiltern. Ist es gut und stimmig, wird es gefischt und genossen. Wenn nicht, dann darf es weiterziehen oder untergehen. Vom großen Info-Meer würde es mir noch x-Mal von den Wellen vor die Füße geworfen werden.

Verbindlichkeit

Sommervielohsophie6Die Veränderung rundum, der ich mit großen Augen staunend folge, lockt meine Neugier. Die sich gefühlt immer mehr ausbreitende Verwirrung wiederum sorgt wahlweise für Schmunzeln und Erstaunen, hin und wieder auch für Kopfschütteln.
Was mich aber zunehmend grantig macht, ist etwas, dass sich teils aus diesen beiden ernährt und immer weiter um sich greift: die veränderte, verwirrte Verbindlichkeit.
War ein Ja oder eine Zusage früher etwas, mit dem man fix rechnen konnte, so muss man selbiges heutzutage mit 100er-Nägel annageln und zusätzlich Superkleber benutzen, wenn man will, dass es statisch bleibt.
Im konkreten Fall sehe ich das zur Zeit teils sehr auffällig bei Anmeldungen zu Workshops.
Da habe ich ja den direkten Vergleich zum Status von früher. Und mit „früher“ meine ich nicht die Urgeschichte, sondern von vor drei Jahren.
In dieser gefühlt kurzen Zeit hat sich das Verbindlichkeits-Verhalten stark geändert. Nicht nur bei unseren Anmeldungen, ich bekomme es auch von anderen Veranstaltern geschildert und erlebe es auch passiv bei vielen Gelegenheiten.

Konnte man früher davon ausgehen, dass die Leute, die sich zu einem Kurs anmelden, dann auch erscheinen, so kann man heute trotz dem Hinweis „verbindliche Anmeldung“ und „erst mit Bezahlen der WorkShop-Gebühr ist der Platz reserviert“ von einer 20-30%igen Ausfallquote ausgehen.
Das ist mühsam und verleidet zunehmend den Spaß an der Freude.
Umso schöner ist es dann, wenn diejenigen, die ihre Anmeldung ernst nehmen, die ausfallenden Quotlinge mehr als wett machen.

Ein Restgrant bleibt dennoch.
Und dann und wann beneidet man die Gewitterwolken, die ohne Rücksicht auf Konventionen wettern und Blitze schleudern dürfen.

Zurück im Garten…

… inmitten der sommerlichen Hochphase, umgeben von dieser alljährlich beeindruckenden Veränderung, dem Tanz auf der Nadelspitze und diesem subtilen Reifeprozess, der sich den Raum nimmt, den er ohne Vorgaben für sich braucht, schwindet das Gewitterfeeling aber schnell und verabschiedet sich gänzlich, ohne Nachhall.

Es ist, wie es ist und wer weiß, wofür´s gut ist – hat meine Oma immer gesagt. Das Leben richtet sich nach dem, was da ist und das bedeutet, dass es sich eben immer wieder verändert. Das betrifft nicht nur die Reifezeit der Kirschen, das Blühvermögen der Rosen oder die Infoinvasion auf allen Kanälen. Sondern auch die Bedeutung von Worten und das Verhalten in Gemeinschaften.

„Was ist darf sein – was sein darf – wandelt sich.“
Cambra Maria Skade

Insofern reduzieren sich alle Sommer-Vs auf ein einziges:

Reifende Veränderung, die einzige und ewige Konstante im Dasein.

Sommervielohsophie4Ich proklamiere daher, diese entsprechend zu ehren, indem man die Schreibweise von Philosophie auf Viel-Oh!-Sophie verändert. Damit hat man neben der Erkenntnis dann auch gleich den Stoßseufzer erledigt und kann sich genüsslich den Kirschen und Diskussionen der Amseln zuwenden. Die haben das schon verinnerlicht. Zumindest im Sommer ;-)

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