Novembergedanken

Nasskalte Nebeltage, mystische Kälte und ein kluges Hundemädchen

Anfang November, das Wetter ist klassisch – grausig nasskalt – und ich streife mit meinem Hund durch den Wald. Es ist duster, die Nebelschwaden hängen dick in den Bäumen. Man hört ein paar Flugzeuge und dumpf ein paar vorbeifahrende Autos. Mit jedem Schritt wird der Lärm weniger, der Nebelwald schluck die Außenwelt.

Ginge es nach mir, würde ich gemütlich daheim sitzen. Ich will nicht hinaus, aber Fanny muss. Also muss ich mit, auch wenn ich nicht will …

… eingemummelt in einer Decke, im warmen Zimmer liegen – das wärs. Winterschlaf halten, bis das Frühjahr ans Fenster klopft, und dieses kalte, nasse, klamme Wetter endlich vorbei ist.

Ich will mich hinlegen, einschlafen und fertig ausbrüten lassen. Geborgen in einem Schoß darauf warten, dass mich das Licht wieder hervorlockt, neu gebärt. Und gerade jetzt wäre es mir sogar egal, wenn es gar nicht mehr zurück käme. Schlafen, schlafen, schlafen und träumen …

Statt dessen stolpere lustlos ich hinter dem Hundemädel her und merke dennoch mit jedem Schritt, dass mir die Bewegung gut tut und mich der Nebel auf seine sanfte Art in eine sehr seltsame Stimmung bringt.

Langsam steigen Erinnerungen auf, Wissen meldet sich: Für die alten Kelten begann das Jahr mit der dunklen Jahreszeit. Die Energie geht nach innen, die Konzentration folgt ihr, das Außen verliert an Wichtigkeit. Allein mit dem Hund im Nebel unterwegs ist das vollkommen logisch. Wenn ich genau schaue, sehe ich im Nebel, zwischen den Bäumen, die Geister.

Der November beginnt mit den Totentagen, der Besuch auf den Friedhöfen steht an – das gehört sich so. „Hast du das Grab schon hergerichtet?“ Und die Antwort muss zwingend „Ja, natürlich!„lauten. Der Wettkampf um den schönsten Allerheiligen-Schmuck und wer sein Grab als erstes fertig hat, hat schon im Oktober begonnen. Unser moderne Form der Ahnenverehrung und Rückbesinnung. Die passende melancholische Stimmung stellt sich aber erst mit Novemberbeginn ein: Wenn ich die Kerzen am Familiengrab anzünde, die Namen meiner lieben Toten rezitiere, die Augen schließe, dann sind sie alle spürbar da.

Die novembrige Dunkelheit sorgt dafür, dass man das Außen schlechter sieht. Also muss man nach innen blicken, sich zurückbesinnen, die Spuren derer suchen, die vor mir da waren. Woher ich komme ist ein Teil von dem, was mich ausmacht. Ein Drittel dessen, was mich geformt, ver- und gebogen, eben geprägt hat. Das zweite Drittel bin ich, mit dem, was sich mir neu erschlossen hat und erschließt, meine persönlichen Erfahrungen – Leben eben.
Das dritte Drittel ist das, was die Gesellschaft und die Umgebung mir mitgegeben haben. Die entsprechenden Wurzeln kann ich in meinem Inneren wahrnehmen. Das ist es, wozu mich der November jedes Jahr neu einlädt.

Und mit dem Blick nach innen begebe ich mich auf die Suche nach dem Monster im Labyrinth, das an der dunkelsten Stelle, im Zentrum lauert. Wissend, dass das Monster ich selbst bin, mein eigener, persönlicher Minotaurus, mit seinen Stärken, Schwächen, Fehlern und Potentialen. In der Dunkelheit sind es immer die dunklen Seiten, die mir größer erscheinen. Jedes Jahr aufs neue betrachte ich sie und versuche herauszufinden, ob sie geschrumpft oder gewachsen oder gleich geblieben sind.

Meine Gedanken schweifen ab, ich muss das Hundemädchen im Auge behalten. Sie streift um mich herum, wittert alles mögliche, hüpft hierhin und dahin und fängt die Kiefernzapfen, die Föhren-Bockerl (wie sie bei uns heißen), die ich ihr werfe, noch in der Luft.
Mitten im Spiel bleibt sie immer wieder stocksteif stehen, blickt in den Wald. „Da ist nichts„, rufe ich ihr zu. Sie schaut mich nachsichtig und ein bisschen vorwurfsvoll an. „Natürlich ist da was, aber du siehst es mal wieder nicht.“ Sie sieht die Geister, die ich nur vermute und fallweise läuft sie zu einem hin. Weil es mittlerweile ganz ruhig ist im Nebelwald, kann ich Hund und Geist leise kichern hören. Manchmal outet sich der Geist auch als Waldvogel. Oder hat sich just in dem Moment, als ich genauer hinschaue, in einen verwandelt. Wer weiß? Im Nebelwald ist alles möglich.

Zurück beim Auto, hab ich es dann eilig nach Hause zu kommen. Ich will, nein, ich brauche heißen Tee, eine warme Decke, ein Stück Schokolade und vielleicht ein Stück Kuchen. Die Füße hochlegen, ein gutes Buch, die Welt abdrehen und in einem Tagtraum, einer Geschichte versinken, einfach nur in Frieden atmen. Der Nebelwald wiegt schwer, die aufsteigenden Erinnerungen und Gedanken fühlen sich auch nicht leicht an.

Diese Zeit gehört den dunklen Göttinnen, den Ahnen, oder im christlichen Fokus: der schmerzerfüllten Maria, die nach Jesu Tod überblieb und das unerträglich Leid einer Mutter ertragen musste, die ihr einziges Kind verloren hat. Die Kulturen haben sich im Lauf der Jahrtausende vermischt. Maria ist die logische Nachfolgerin der alten, großen Göttin, die mit dem Sterben der Vegation Jahr für Jahr ihre Kinder zur Ruhe bettet und sich die Wintermonate hindurch darum kümmert, dass diese in Frieden einem neuen Leben entgegen schlafen dürfen.

Alleine, fallweise in Begleitung der Geister, streift sie durch die Flure und Wälder, wissend, dass in ihrem Leib das neue Leben heranwächst und in ein paar Wochen mit dem zurückkehrenden Licht der nächsten Lebenszyklus beginnt. Im Alpenraum ist sie die Percht, die Strahlende, und die Hollerin, die Tödin, andernorts nennt und nannte man sie Hekate … die weise Alte eben.


Hast du nicht Angst, wenn du alleine im dunklen Wald herum gehst? Wenn es so finster und gruselig ist?“, fragt mich eine Freundin.

Nein„, antworte ich, „ich bin ja hier nicht allein.
Und damit meine ich nicht mein Hundemädchen oder meine Kopfgespinste. Ich meine das, was rundum lebt, was nun im Schlaf liegt, aber dennoch spürbar da ist, atmet und auf einer anderen Ebene existiert.

Nebeltage, Ahnenzeit – der Wald erzählt mir mystische Geschichten und ich merke, wie ich langsam mit jedem Schritt nach innen wandere.

Der November ist da.

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