Jännergedanken

Oder: Der Weg in die Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.

„Kommst du jetzt endlich?!“, ruft eine Stimme und ich bin kurz versucht „Vergiss es!“, zu antworten.
Vor ein paar Tagen klang die Idee, Silvester auf einer Hütte in den Bergen zu feiern, noch toll: Keine Überlegungen wie man den Abend daheim und die Zeit bis Mitternacht tot schlägt. Mit den Skiern hinauf marschieren, droben dann vom Hüttenwirt mit Essen und Hüttengaudi bespaßt werden. Dem Silvestertreiben im Tal von weit oben zuschauen und das Feuerwerk ohne Lärm genießen können. Hund beruhigt, Familie versorgt und am Neujahrstag eine pfundige Abfahrt durch den Neuschnee ins Tal, ins neue Jahr.

Klingt toll.
Aber wie gesagt, das war gestern.

Nicht bedacht hatte ich die Vorbereitungen und das diese romantische Idee auch von vielen anderen geteilt wird. Und das man Silvesterraketen auch auf den Bergen abfeuern kann. Womit zum bunten Schauspiel am Himmel dann der, durchs Echo verdoppelte, Lärm der Hüttengaudi hinzukommt.

Und das die meisten unter „Gaudi“ ein kumulatives Besäufnis verstehen.
Prost Mahlzeit.

Ausserdem hat der Neuschnee sich im Datum vertan und das, was da auf den Wegen und Wiesen liegt, ist pappig und eisig zugleich. Am Vortag sind wir mit den Skiern hinauf planmäßig gestappft und meine Kondition war mal wieder da, wo ich sie nicht erreichen konnte. Warum sich die Berge beim Anmarsch aber auch immer so steil stellen?

Keuchend, durchgeschwitzt, mit eiskalten Händen und Füßen dann endlich in der Hütte. Empfangen von einer ganz besonderen Dampfwolke, die aus dem Gastraum quillt. Unbeschreiblich, mit allen Duftversionen der Hölle und des Himmels gleichermaßen versehen.

Hüttenübernachtung bedeutet auch, dass man nur wenig Gepäck mitnimmt. Man muss es ja schließlich selbst hinauf schleppen, am Rücken, und da wird jede Socke kritisch betrachtet.
Für eine Nacht brauchst du ja nicht viel mit.
Denkst du, denk ich, und habe mich zwei Tage mit der Auswahl beschäftigt. Weil ja immer was sein könnte, von dem man dann nicht überrascht werden will. Ich hasse Koffer packen und das ist mit ein Grund, warum mir Verreisen immer so schwer fällt. Woher soll ich heute wissen, was ich in ein paar Tagen anziehen will oder dringend brauche? Die Kombination mit „selber tragen müssen“ wird dann zu einer quälenden, logistischen Herausforderung.

Im vorsorglich reservierten Zimmer erweist sich meine feldmäßige Rucksackplanung als gut und die Dusche als erfreulich heiß. Die Lebensgeister kommen aus den Höhlen hervor, in die sie sich beim Anstieg verschreckt verkrochen habe.
Jetzt noch ein heißer Tee und ich könnte die Nacht überleben„, murmel ich. Gleich darauf erzählt mir ein infernalischer Lärm, das nebenan eine größere Gesellschaft das Lager bezogen hat. Ich revidiere meine Überlebenshoffnung.

„Was war nochmal der Grund, warum wir auf der Hütte feiern wollten? Ruhe und Einkehr?“, mein Sarkasmus hat sich seinen Weg gebahnt und stellt die Vertrauensfrage. Aber dummerweise war der Beschluss einstimmig und ich war eine der Befürworterin. Damals, als das nach einer tollen Idee aussah. Schneebedeckte Berge (aktuell nicht zu sehen, weil Hochnebel und finster), gemütliche Hüttengemeinschaft (die Wand zum Nebenzimmer bebt noch immer vom Lärm und die Typen sind mir jetzt schon herzhaft unsympathisch), idyllische Mitternachtsbetrachtungen (die Aussichten sind mehr feucht denn fröhlich) und dann eine pfundige Abfahrt im Pulverschnee (der vom Wettergott rigide storniert wurde).

Wenn ich mal mit dem Schwarzmalen angefangen habe und Frustmotive zu suchen beginne, dann kann ich stundenlang so weiter machen und jede aufkommende Stimmung vereisen. Also versuche ich mich zusammen zu reißen, male mir mit dem mitgeschummelten Lippenstift ein Lächeln ins Gesicht und begebe mich in die Gaststube.

Der Rest der Silvesternacht ist durchwachsen. Ein Potpourri aus Lärm und Launigkeiten, gutem und sehr deftigem Essen – in der Zeit zwischen den Jahren haben Kalorien offenbar kein Gewicht und Vitamine Urlaub. Dazu Gelächter aus allen Ecken, mit unterschiedlichen Hintergründen, und dazwischen eine kleine Götterdämmerung der ersehnten Gemütlichkeit. Als sich das Jahr dann endlich ächzend zu den letzten Zügen entschließt, die Hälfte der Gäste die Schneebar im Freien aufsucht, um die besten Plätze für das Spektakel zu ergattern, kehrt drinnen so etwas wie Ruhe ein.

Auf einer Eckbank sitzend, mit schläfrigem Blick, den Bauch gut gefüllt mit all den Dingen, die ich im kommenden Jahr hüftmäßig bereuen werde, beginnt für mich der lange Moment, wo das alte Jahr die Krone an das neue übergibt. Vom Fenster aus kann ich einen der Gipfel in der dunklen Nacht sehen. Ein Wolkenfetzen hat sich malerisch drum herum gewickelt, aber genau in der Mitte ist ein Loch. Ob sich der Alte und das Neue da oben treffen, die Übergabebedingungen aushandeln und sich dann mit Handschlag verabschieden?

Das Gegröhle draußen strebt seinem Höhepunkt zu, aus dem Tal fliegen schon seit längerem Raketen nach oben. Durchbrechen die Nebeldecke und während der Lärm leicht gedämpft nach oben dringt, haben wir, im Gegensatz zu den Talbewohnern, die funkelnde Pracht in voller, verwerflicher Schönheit.

Schließt man hingegen die Augen, dann verwandeln sich das Gedröhne und die bunten Blitze in eine schaurige Kriegsszene. Mit leisem Grauen bekommt man eine Ahnung, wie die Großeltern die nächtlichen Bombenangriffe erlebt haben müssen.

Ich frage mich, ob die friedliche Gipfelszene der Jahresübergabe nicht vielleicht doch eher das Aushandeln eines kurzfristigen, aber schlussendlich gescheiterten Waffenstillstands zwischen dem Alten und dem Neuen ist.

Schnell noch ein Schluck vom Jagatee, dann wird schon zum Mitternachts-Count Down gerufen. Mit mehr Widerwillen als Vorfreude wickel ich mich in sämtliche Jacken und Schals, die mein Rucksack hergibt und wanke, einem Reifenmännchen nicht unähnlich, zu den Feiernden.

Und während wir im Chor die Sekunden runterzählen, passiert es plötzlich: Ein unhörbares Schwirren in der Luft, das nicht von einer Rakete ausgelöst wurde. Ein so sanfte Berührung, dass ein Windhauch stärker zugreift. Ein ganz, ganz kleines Zittern geht durch den Boden. Nicht mal im Ansatz ein Erdbeben, mehr ein wohliges Schauern, wie von Gras unter Schnee.

Und mit einem Mal wird aus dem gröhlenden Kollektiv eine Gruppe Gleichgesinnter, die mit staunenden Kinderaugen den Wechsel des Jahres miterlebt. 1-2 Sekunden nur dauert dieser Moment. Kaum hat man ihn begriffen, ist er auch schon wieder vorbei.

Die Sektkorken knallen, die Pummerin dröhnt aus dem Radio, das Feuerwerk im Tal verwandelt die Landschaft in eine kreischbunte, quälend laute Pratergegend.

Am nächsten Morgen kriechen wir verkatert aus den Betten. Verkatert sein geht auch ohne Alkohol. Zuwenig Schlaf, zu viel und zu fett gegessen, zu lange geredet, zu laut gelacht … und der Morgen danach wird zum größten Feind des Daseins. Grummelnd und so gar nicht neujahrsfrisch packt jeder seine Sachen in den plötzlich viel zu klein gewordenen Rucksack. Wie gibt es das, gestern hatte doch noch alles Platz?

Das Frühstück wird üppig angeboten, findet aber nur wenige, die es zu würdigen wissen. Ein gütiger Wettergott hat uns zumindest ein paar Zentimeter Schnee beschert. Sein Tun wird aber mit „… na toll, jetzt sieht man die Eisplatten nimmer. Klassischer Haxnbrecher-Schnee …“, nicht wirklich anerkennend gewürdigt. Auch der strahlende Sonnenschein bekommt in der rauchigen Stube keine besonders freundlichen Gesichter zu sehen. Zu hell für müde Augen.

Schlussendlich haben wir alles gepackt, graben unsere Skier aus und begeben uns ins grelle, viel zu helle Draußen. Es ist bitterkalt, nur ein paar Spuren sind im Schnee zu sehen, die Hauskatze sieht uns amüsiert durchs Fenster zu.

Anschnallen, Rucksack umbinden und weil ich mal wieder länger brauche, kommt die Frage von oben und mein Bedauern, nicht daheim geblieben zu sein.

Ich stolpere aus dem Schatten der Hütte, stapfe mit den sperrigen Brettern an den Füßen zur Abfahrt hinüber und sehe gerade noch, wie sich die anderen schon den Abhang hinunterstürzen.

Alleine stehe ich oben, an der Kante, und schaue mich nochmal um. Die kalte Morgenluft hat mir die Müdigkeit verschreckt und langsam kehrt das Bewusstsein für die Pracht der Natur wieder zurück. Die Bergkulisse ist zum Niederknien schön. Die Ruhe rundum lockt mir das Wort „erhaben“ in den Sinn. Unten, schon fast beim Waldbeginn, sehe ich die anderen, höre sie juchzen und lachen. Ein kleiner Stoß mit den Stecken, die Ski greifen und langsam schwinge ich mich auf die Piste. Noch ganz zaghaft, jeden Bogen auskostend, taste ich mich an das Vergnügen heran.
Und mit jedem Meter, den ich Fahrt aufnehme, kommt die Lebenslust retour, die Freude steigt und nach ein paar Metern jodel ich zu den anderen hinunter.

Das neue Jahr hat mir kristallene Ruhe und einen erfrischenden Morgen geschenkt. Besser als jeder Neujahrsvorsatz, der schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt ist. Dieser glänzende Morgen birgt Verheißungen, Lachen, alten Frieden und etwas bezaubernd geheimnisvolles: ein Versprechen.

Und mit einem Mal weiß ich wieder, warum ich Silvester auf der Hütte feiern wollte: Darum, genau wegen diesem magischem Moment, an diesem ersten Morgen.

Der Jänner ist da.

 

Dieser Text ist schon vor ein paar Jährchen entstanden. Ich habe ihn nun ausgegraben, frisch überarbeitet und so entstaubt darf er als Jännergedanke online gehen. 
Was das Silvester-Feiern auf Hütten betrifft, waren wir die letzten Jahre abstinent. Die Grundernergie dieser Stimmung aber, davor und danach, ist auch im Tal herunten so zu spüren. Insofern ist der Text also aktuell und könnte in leichte Abwandlung auch heuer so passiert sein ;-)

2 Kommentare

  1. Liebe Michaela, danke für deine Gedanken hier. Ich kann es gut nachvollziehen, wie du empfindest. Und manchmal ist es tatsächlich der eine Augenblick. Sternminuten 💙
    Ein frohes neues Jahr wünscht dir
    Geertje

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.