Dezembergedanken

Oder: wann wirds verdammt noch mal endlich still?!

Das Hundemädchen und ich spazieren zur Abwechslung in meiner alten Heimat. Da, wo ich als Kind mit dem Rad und zu Fuß unterwegs war. Die Wege sind noch die gleichen, die Bäume um einiges höher.

Das ist gut.

Nicht gut ist der unerträgliche Lärm. Aus dem Tal unten brüllen die Lastwägen herauf, man hört jedes Auto, als würde es nur einen Meter neben einem vorbeirasen. Aber die Straße ist kilometerweit weg, am Horizont kaum zu sehen und ich stehe da, wo weit und breit nur Wälder und Äcker sind. Niederdruckwetter, Wind von der falschen Seite, falscher Tag, falsche Zeit und abgesehen davon weht ein mieser Wind, mein Kopf hasst mich dafür und bestraft mich mit Schmerzen. Ist das der Beginn der Dezember-Warmphase? Oder nur ein Klima-Schluckauf?

Und nun auch noch Lärm, wo kein Lärm sein sollte und zu allem Überfluss wälzt sich das Hundegör in einem unbeobachteten Moment in etwas Unaussprechlichem.
Flucht, nichts wie weg hier. Der Wald meiner Kindheit hat heute einen schlechten Tag.

Ein paar Tage später überrede ich mich zu einer historischen Stadtführung. Normalerweise mag ich das. Diesmal aber kostet mich jeder Schritt unendliche Kraft. Die Gruppe ist viel zu groß, die Stadt im Vorweihnachtsirrsinn, mein Körper ist von den Tagen davor erschöpft und meine Nerven sind am Ende.

In einem Ohr die Stimme der Führerin, das andere hört den Lärm der Umgebung und zwischenmenschliches Geschnatter. Mein Kopf fragt mich, wohin ich mich nun wenden soll. Autoabgase, Döner-Stände, gebrannte Mandeln, menschliche Ausdünstungen und die X-Mas-Märkte haben auch schon geöffnet. Statt Maronibratern gibt es Crêpes-Buden und X-Mas ist das neue Weihnachten, weil viel hipper, lauter, bunter. Menschenmassen überall und ich merke, wie mir langsam übel wird.

Der Cafe-Besuch im Anschluss an die Führung wird zu einer Herbergssuche: alles voll.
Haben Sie vorbestellt?“ – leider Nein und darum geht es weiter, auf schmerzenden Füßen, durch taghell erleuchtete Straßen und von allen Seiten dröhnt Musik.
Endlich ein Lokal, wo man Mitleid und nach ein paar Minuten sogar einen freien Tisch für uns hat. Ich flüchte aufs stille Örtchen, in der Hoffnung, dort endlich durchatmen zu können. Fehlanzeige, Toiletten sind dafür generell der falsche Platz, diese hier besonders.

Zurück bei Tisch habe ich Mühe, der Unterhaltung folgen zu können. Die Umgebungsgeräusche sind einfach zu laut. Zwei Tische weiter feiert eine Trauergesellschaft, einen Raum weiter wird eine Firmen-Weihnachstfeier zelebriert. Man muss zweimal schauen, damit man den Unterschied erkennt und weiß, was Thema am jeweiligen Tisch ist.


Der nächste Tag bringt eine Fülle an »Kannst du mal …?!», »Ich bräucht noch schnell …!» und ein paar »Hast du schon…?»

Noch gerädert vom Vortag lösen diese Fragen Schnappatmung bei mir aus.

Nein,“ will ich schreien, „aber ihr könnt mich alle gern mal ganz schnell gern haben!„, und meine das sowohl ein- als auch zweideutig. Aber das gehört sich nicht und schnell stopfe ich den verbalen Ausrutscher in die Lade mit den unerledigten Wünschen.

Noch erschlagen von der vortäglichen Brachial-Besinnlichkeit mache ich mich daran, die To-Dos zu erledigen und will dabei doch nur eines: Ruhe und Nichts tun. Aber meine Sehnsucht nach biedermeierlicher In-Mich-Gekehrtheit steht nicht am Programm.

Wir müssen uns unbedingt heuer noch sehen!„, schreibt eine liebe Freundin und bittet um einen vorweihnachtlichen Termin. Ich bin versucht zurückzuschreiben, dass ja nur das Jahr endet und nicht das Leben. Aber wer weiß das schon?
Komm zu mir, da haben wir Ruhe zum Reden„, schreibe ich zurück und frage mich gleichzeitig, ob das auch stimmt. Sie denkt ähnlich: „Willst du dir das wirklich antun?
Wir vereinbaren einen Treffpunkt im Cafe.

Heimkommend empfängt mich stille Kälte. Der Ofen ist aus und das ist leider nicht metaphorisch gemeint. Also nochmal vor die Tür und die Wärme anwerfen. Beim Einheizen schaffe ich es, mir meine weiße Strickjacke mit Ruß vollzuschmieren und fluche laut „Verdammt noch mal!„. Sofort höre ich einen Ahnenstimme in Gedanken sagen „Keine Flüche in den heiligen Zeiten!“ Die Rebellin in mir fragt provokant zurück, wann denn endlich die unheiligen kämen, damit ich mal laut und hemmungslos fluchen darf.

Endlich im Haus, alleine, kein Lärm, nicht mal Musik. Ich schließe die Türe, langsam wird es wieder warm, Tee steht vor mir, das Hundemädchen schnarcht wohlig vor sich hin und ansonsten herrscht Ruhe. In meinem Handarbeitskorb liegt noch der Pulli, den ich im Jänner begonnen habe. Eine Häkelarbeit, die mit Beginn des Frühjahrs aus wärmetechnischen Gründen eine Pause erfahren hat.
Ich nehm sie mir her, versuche mir den Aufbau des Musters wieder in Erinnerung zu rufen und nach einiger Zeit nehm ich den Faden wieder auf. Mit jeder Masche habe ich das Gefühl, einen Gedanken abzuhacken, ein Stück des Jahres abzuschließen und mich meiner inneren Ruhe näher zu bringen. Die Welt schrumpft, die An- und Überforderungen versinken in der einbrechenden Dunkelheit.
Ich drehe mich nach innen, schließe meine persönliche Tür nach draußen.

Am Adventkranz brennt die erste Kerze, die To-Do-Liste ist irgendwohin verschwunden, draußen ist es nun richtig eiskalt und während ich so in meiner Wollarbeit versinke merke ich, wie sich die Ruhe langsam weiter ausbreitet, mit der Stille kooperiert und mich in einen warmen, friedlichen Kokon hüllt.

Der Dezember ist da.

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