Reparaturwahn
“Hallo, wie geht´s dir?”
“Ich hab Kopfweh …”
“Ist ja eh klar, sitzt viel zu lang vorm PC, gehst nicht genug raus in die Natur, machst überhaupt zuwenig Bewegung und überhaupt: isst du noch immer Fleisch? Also das solltest du jetzt aber endlich aufgeben! Probier doch mal ohne auszukommen und geh in diesen neuen Kurs, da wo man sich so glücklich bewegen kann. Lauter nette Leut dort und alle haben kein Kopfweh.
Hast dir schon überlegt, ob dir da nicht irgendwas oder irgendwer im Nacken sitzt? Weil das ist sicher auch psychisch bedingt. Daran musst arbeiten, sonst manifestiert sich das! Und lass dir auch gleich die Halswirbelsäule durchchecken, da steckt sicher auch ein verschobener Halswirbel dahinter. Wart, ich mail dir gleich die Adresse von diesem Wunderarzt, der braucht nicht mal ein Röntgen, der schaut dich nur an und weiß was du hast. Komm doch mit zur nächsten Aufstellung! Wir können dich und dein Kopfweh aufstellen und dann siehst gleich, ob das nicht aus einem früheren Leben stammt. Wird Zeit, dass du dich damit auseinandersetzt. Ist ja nicht normal Kopfweh zu haben …”
Das war – zusammengefasst und eingekürzt – eine kleine (!) Sammlung an Antworten, die ich bekomme, wenn ich auf die obligate Frage “Wie geht es dir?” spontan ehrlich mit meinem Momentan-Befinden antworte. … und mich nachher frage, warum ich nicht “Alles super” gesagt habe. Die Kopfweh-Antwort kann gegen jedewede andere kleine oder große Unbefindlichkeit getauscht werden.
Eines vorweg: ich finde es super, dass es eine Vielzahl an Möglichkeiten gibt, seine gesundheitliche und anderen Probleme zu behandeln und loszuwerden und habe selbst das eine oder anderen schon mit Erfolg ausprobiert.
Aber ich stehe auf dem Standpunkt, dass ich das selber entscheide wann, wo, wie und ob ich das ändern will.
Der Drang zur Perfektion, dass alles gut und schön und gesund und heil und glücklich zu sein hat, nimmt in letzter Zeit immer mehr zu. Was nicht optimal und perfekt ist, wird zur Reparatur motiviert, überredet – emotional gezwungen.
Und ja natürlich, da ist auch irgendwie ein Sinn dahinter. Es ist ein zutiefst menschliches Ziel: das Streben nach Vollkommenheit. Die einen sehen das im erhöhten Körper-Geist-Seele-Bewusstsein, dass unbedingt geschult und trainiert und optimiert gehört … doch der Schritt von der spirituellen-medizinischen-körperlichen Reparatur zur Überperfektionierung und dem Vorgeben von Menschen-Normen ist ein sehr kleiner. Es hat auch noch niemand schlüssig und für alle verbindlich erklärt, wie der Begriff “Vollkommenheit” zu definieren ist.
Es gibt kein Patentrezept für das Erreichen eines Zieles. Aber unendliche viele Weg dahin und jeder hat das Recht seinen zu finden. Der eine über einen Guru, Arzt, Kurs, Coach … der andere über das Zulassen seiner Schmerzen. Das kann schnell gehen, aber es darf auch dauern und manchmal braucht es mehr als ein Leben. Das darf jeder selber entscheiden.
Und wenn der eine oder andere gerade keine Lust auf Reparatur hat, sondern darauf einfach er/sie selber SEIN zu dürfen, so wie er/sie jetzt gerade ist, in all der wunderbaren und chaotischen Unvollkommenheit, dann ist das auch ein Weg und eine tolle, stressfreie, herrlich individuelle Möglichkeit. Aber eben schwerer auszuhalten – für die anderen, die auf Perfektion drängen.
Fakt ist auch, dass man die Probleme bei anderen viel leichter lösen könnte, den besten Weg wüsste, als wenn es um die eigenen Baumstämme im Auge geht. Ist ja auch leichter als sich mit sich selbst auseinander zu setzen.
So sehr ich mich freue, wenn ich Tipps und Infos bekomme – manchmal will ich meine Kopfschmerzen (und andere Unperfektionen) weder bereden noch therapieren sondern selbst “behandeln” und das kann durchaus so sein, dass ich nix tue. Mit anderen Worten: ich hab ein Recht darauf unperfekt sein zu dürfen ;-)
Frei nach dem Motto: jeder hat im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten die Chancen, seine persönliche Unvollkommenheit (vulgo: individuellen Dachschaden) auszuleben.
Das Streben nach Vollkommenheit darf manchmal Pause machen, ohne das man ein schlechtes Gewissen hat oder aufgedrückt bekommt. Man darf seiner inneren Natur folgen und sich auf diese eigene Führung verlassen und wenn das Gefühl auf “Pause” steht, dann ist das ok.
Schließlich sinds die kleinen Unperfektheiten, die erarbeiteten Falten, die überlebten Narben, das gefundene Andersein … was Individualität und persönliche Geschichte ausmacht. Wären wir alle gleich schön, gesund und glücklich – also das wär sowas von fad. Danke Nein!
“Ist der Schüler bereit, erscheint der Lehrer” – sagt ein altes Sprichwort. Da steht nichts davon, dass man den sturen Esel mit einem Seil oder Überredungen zu seinem Glück hinziehen muss.
Ein anderes, indianisches, Zitat, sagt:
“Die Natur ist perfekt.
Mach sie nicht perfekter.”

